Vorwort der Universität Luxemburg
1Spezifische Lernstörungen in schulischen Kernbereichen wie Lesen, Schreiben und/oder Rechnen sind für Schülerinnen und Schüler insbesondere dann, wenn sie nicht diagnostiziert werden, eine schwere Belastung im Schulalltag. Die Tatsache, in zentralen Bereichen des schulischen Bildungsprogramms trotz ständigen Bemühens nicht die geforderten Leistungen erbringen zu können, wird von vielen Betroffenen als traumatische Erfahrung wahrgenommen, die sich auch auf andere Bereiche des schulischen Bildungsstoffes negativ auswirken kann. Häufig ziehen sich Schülerinnen und Schüler in die innere Emigration zurück, da sie von sich selbst den Eindruck gewinnen, den Anforderungen der Schule grundsätzlich nicht genügen zu können. Entwickeln diese Schülerinnen und Schüler erst einmal ein solches negatives Selbstbild, ist es äußerst schwierig, sie für Lernprozesse zu motivieren. Schule soll, neben allen inhaltlichen Anforderungen, ja auch vor allem dies vermitteln: dass Lernen Spaß bringen kann und dass man nicht nur für die Lehrperson und ein bestimmtes Fach lernt, sondern für sich selbst und sein ganzes späteres Leben. Dass dies häufig aus dem Blick gerät, hat schon Seneca in seinem berühmten Zitat Non vitae, sed scholae discimus („Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“) bemängelt.
2Umso wichtiger ist es, dass die pädagogische, lernpsychologische und neuropsychologische Forschung sich dem Problem der Lernstörungen, ihrer Diagnose sowie Hilfestellungen in den letzten Jahren intensiv gewidmet hat. In besonderer Weise gilt dies auch für die Forschungen an der Fakultät für Geisteswissenschaften, Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität Luxemburg. Insbesondere das Luxembourg Centre for Educational Testing (LUCET) und das Institute of Cognitive Science and Assessment (COSA) hat hier in den vergangenen Jahren Pionierarbeit geleistet.
3Im luxemburgischen Bildungssystem stellen sich die Probleme von schulischen Lernstörungen noch einmal in besonderer Weise, da die Mehrsprachigkeit des Schulsystems verbunden mit der sprachlichen Heterogenität der Schülerinnen und Schüler Lernstörungen völlig neu kontextualisiert. Dies betrifft nicht nur mögliche Interferenzen von Mehrsprachigkeit und Lernstörungen im Bildungssystem, sondern auch die Frage nach einer adäquaten Diagnostik.
4Mit dem vorliegenden Band haben die Forscherinnen und Forscher der Fakultät sowie Expertinnen und Experten aus dem Centre pour le développement des apprentissages Grande-Duchesse Maria Teresa (CDA) einen ersten umfassenden Leitfaden zum Thema Lernstörungen speziell für das luxemburgische Schulsystem entwickelt. Mein besonderer Dank gilt allen Beteiligten für ihre engagierte Mitarbeit und dem Ministère de l'Éducation Nationale, de l'Enfance et de la Jeunesse für die finanzielle Unterstützung dieses Projekts.
5Prof. Dr. Georg Mein
6Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften,
Erziehungs- und Sozialwissenschaften,
Universität Luxemburg