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Dem Batty Weber säin Abreißkalender (1913-1940): 3. Aktivismus a Poleemik am Abreißkalender

Dem Batty Weber säin Abreißkalender (1913-1940)
3. Aktivismus a Poleemik am Abreißkalender
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Notes

table of contents
  1. Coverbild
  2. Titelsäit
  3. Impressum
  4. Logoen
  5. Inhalt
  6. Von den Aran-Inseln bis an die luxemburger Mosel ist ein weiter Weg und die Menschen dort und hier wissen nichts von einander.Aber dasselbe Leben hat sie zu denselben Wesen gemodelt.(AK 7. Oktober 1926) Dëst Buch ass dem Frank Kearney gewidmet,engem passionéierten Zeitungslieser.
  7. Introduktioun: Den Abreißkalender als Source an der Wëssenschaft
  8. 1. Den Abreißkalender aus enger literatur-wëssenschaftlecher Perspektiv
  9. 2. Den Abreißkalender als historesch Quell
  10. 3. Aktivismus a Poleemik am Abreißkalender

3. Aktivismus a Poleemik am Abreißkalender

Über die luxemburgische „Zwei- bzw. Dreisprachigkeit“: Batty Weber als Protosoziolinguist

Fernand Fehlen

Le caractère éminemment social du langage est trop évident, et beaucoup de linguistes comprennent maintenant que les causes initiales des phénomènes qu’ils étudient ne se trouvent pas dans les langues elles-mêmes.

Meillet 1903, zitiert nach Mucchielli 1998, 371

Es liegt nicht an der Sprache, es liegt an den Verhältnissen. Die Verhältnisse sind das Primäre.

Weber 1909, 124

Als Batty Weber 1860 geboren wurde, waren die wichtigsten sprachpolitischen Weichenstellungen im noch jungen luxemburgischen Staat bereits erfolgt. 1839 verlor das Großherzogtum seine französischsprachigen Gebiete und bestand fortan nicht mehr aus zwei territorialen Sprachgemeinschaften. Die Bevölkerung sprach nun verschiedene deutsche Dialekte, die als Luxemburger Deutsch bezeichnet wurden. Dennoch beschloss der 1840 inthronisierte König-Großherzog Wilhelm II. im Einvernehmen mit der luxemburgischen Regierung, Französisch weiterhin als Hauptverwaltungssprache beizubehalten. Mit Rücksicht auf die Zugehörigkeit Luxemburgs zum Deutschen Bund wurde jedoch die Gleichberechtigung von Deutsch und Französisch proklamiert und 1848 sogar in der Verfassung verankert, wo sie für 100 Jahre, bis 1948, festgeschrieben blieb. Die Bevölkerung sollte zweisprachig werden (vgl. Calmes 1954, 202-206). Hauptinstrument zur Erreichung dieses Ziels war die 1843 eingeführte zweisprachige Volksschule mit entsprechender Lehrerausbildung und der sich anschließenden zweisprachigen höheren Bildung (loi sur l'enseignement supérieur et moyen, 1848). Damit wurde die individuelle Zweisprachigkeit zum Bildungsideal erklärt. Unabhängig von dieser Sprachenpolitik von oben entstand in dieser Zeit durch den alltäglichen Sprachgebrauch eine neue, die deutschen Dialekte überdachende, Verkehrssprache.

Der erste Abschnitt dieses Kapitels zeigt, dass Batty Weber (1860-1940) als Journalist, Schriftsteller und Intellektueller nicht nur ein unermüdlicher Beobachter und Kommentator, sondern auch ein aktiver Protagonist dieses sprachgeschichtlichen Prozesses war. Im zweiten Abschnitt wird erläutert, wie das damals übermächtige Sprachkonzept, das eine Koppelung von Sprache und Staat – genauer: von standardisierter Kultursprache und monolingualem Nationalstaat – festschrieb, den Blick auf den Entstehungsprozess der neuen luxemburgischen Umgangssprache verstellte. In den weiteren Abschnitten wird Weber als Soziolinguist avant la lettre gewürdigt.

Weber als Chronist und Protagonist der Nationalstaatsbildung

Batty Webers Lebenslauf ist eng mit der luxemburgischen Geschichte und Sprachengeschichte verbunden. 1860 wurde er in einem offiziell zweisprachigen Staat geboren, in dem ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl erst langsam im Entstehen war. Als er 1940 starb, war Luxemburg dem Nazireich einverleibt und die Zweisprachigkeit war als erste amtliche Maßnahme des Besatzers abgeschafft worden. Angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung in den 1930er Jahren erreichte der Wille zur staatlichen Unabhängigkeit und dessen im zweiten Abschnitt beschriebene sprachpatriotische Begründung einen vorläufigen Höhepunkt, der sich noch im Siegestaumel der Nachkriegszeit verstärkte. Auch wenn es noch bis 1984 dauern sollte, bis das Luxemburgische offiziell als Sprache anerkannt wurde, kann die These aufgestellt werden, dass die Entwicklung des Luxemburgischen vom deutschen Dialekt zur neuen Nationalsprache im Wesentlichen in die Lebenszeit Batty Webers fiel (vgl. Fehlen 2024).

Sprachen neigen dazu, mit sozialen Gruppen übereinzustimmen („les langues tendent à coincider avec les groupes sociaux“, Meillet 1906, 2), schrieb der von der Durkheim’schen Soziologie beeinflusste Linguist Antoine Meillet (1866-1836) zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nahm damit eine der wesentlichen Erkenntnisse der Soziolinguistik vorweg. Das Luxemburgische ist ein Paradebeispiel für diese These, zeigt es doch, wie unter dem Einfluss der zunehmenden räumlichen und sozialen Mobilität innerhalb der noch jungen luxemburgischen Gesellschaft eine neue Sprache entstand.

Die Grundschullehrerinnen und -lehrer, deren Zahl sich in den ersten fünfzig Jahren des neuen Bildungssystems von 400 auf 800 verdoppelte (davon vierzig Prozent Lehrerinnen; vgl. Voss und Le Bihan 2015, 392), gehören zu den sozialen Gruppen, bei denen diese doppelte Mobilität besonders ausgeprägt war. Batty Webers Vater Michel zählte zu den ersten Dorfschullehrern. Mit seiner Familie zog er von Rümelingen nach Dalheim und dann nach Stadtbredimus, wo er sich niederließ und Gemeindeeinnehmer wurde – eine nicht untypische Karriere, die er mit seinem bekannteren Kollegen Michel Rodange (1827-1876) teilt, der ebenfalls den Lehrerberuf als Sprungbrett in die öffentliche Verwaltung genutzt hatte. In Stadtbredimus wohnten die Webers in der Nachbarschaft von Edmond de la Fontaine (1823-1891), zeitweiliger Bürgermeister der Stadt und unter dem Pseudonym Dicks einer der Begründer der luxemburgischen Literatur.

Während Batty Webers Schulzeit wurde die Diskussion über den Sinn und vor allem die Effizienz des zweisprachigen Schulwesens noch immer in der Lehrerschaft geführt. Sie setzte sich auch nach der 1867 von den Großmächten garantierten Unabhängigkeit und Neutralität Luxemburgs im Zuge der Auflösung des Deutschen Bundes, dem Luxemburg bis dahin angehört hatte, fort und endete erst nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und der damit verbundenen Annexion des deutschsprachigen Teils Lothringens und des Elsass. Danach wurde das Ideal der individuellen Zweisprachigkeit als Schutz vor den sprachpolitisch motivierten Annexionsgelüsten deutscher Nationalisten wie Heinrich von Treitschke (1834-1896) akzeptiert (vgl. Trausch 1988, 337-343). Zu diesem politischen Grund gesellten sich soziologische und wirtschaftliche Motive, denn das Bildungssystem und der Staat waren inzwischen so organisiert, dass Französisch eine Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Aufstieg war. Zudem bot der Arbeitsmarkt in den beiden frankophonen Nachbarländern für viele eine Möglichkeit, dem armen, ländlichen Luxemburg zu entfliehen. Aufgrund ihres teilweisen Pendelcharakters trug diese Migration mindestens ebenso viel zur Verbesserung der Französischkenntnisse der Bevölkerung bei wie die Grundschule.

Nach dem Abitur am Athenäum studierte Batty Weber von 1881 bis 1883 Philologie in Berlin und Bonn, wo er sicherlich auch mit der deutschen Sprachwissenschaft vertraut wurde. Dies könnte jedoch auch schon von Kindheit an zu Hause der Fall gewesen sein, denn im elterlichen Lehrerhaushalt und bei seinem Nachbarn Dicks, mit dem er in regem Austausch stand, war das 1855 von Peter Klein (1825-1855) im Geiste Jacob Grimms (1785-1863) verfasste Buch Die Sprache der Luxemburger sicher ein Gesprächsthema. Und bei Bedarf wird er noch in seinen alten Tagen auf diese „alte und fast vergessene Schrift“ (AK1 10. März 1937) zurückgreifen (s.u.). 1883 trat er in den Staatsdienst ein, wurde Stenograph im Parlament und war als solcher sicher zugegen, als der Abgeordnete Caspar Matthias Spoo (1837-1914) in seiner berühmten Rede vom 9. Dezember 1896 die Zulassung des Luxemburgischen in den Parlamentsdebatten forderte. Spoo meinte damit nicht seine Echternacher Mundart, sondern die neue, unter dem Impuls der „Nationaldichter“ im Entstehen begriffene „Gebilltesprooch“ (Hoffmann 1987b, 45). In der Diskussion um die Volksschulreform von 1912 schlug Spoo vor, den hauptstädtischen Dialekt in der Dicks’schen Rechtschreibung zum offiziellen Standard zu erheben; ein Vorschlag, der bei Weber (vgl. AK 29. Mai 1920) auf Wohlwollen stieß, aber im Parlament fast einhellig abgelehnt wurde. Es wird lediglich ein neues Fach mit einer Wochenstunde unter der Bezeichnung „Anfangsgründe der Landesgeschichte und Luxemburgisch“ eingeführt, um die Liebe zur Heimat durch das Kennenlernen der Mundartliteratur zu fördern.

Neben seiner Tätigkeit als Stenograph arbeitete Batty Weber als Schriftsteller, Journalist und Zeitungsredakteur vor allem für die liberale Luxemburger Zeitung. Nicht zuletzt durch seine dort im Feuilleton veröffentlichten Kalenderblätter wurde er zu einem der wichtigsten Intellektuellen und Meinungsführer des Landes, und die Tatsache, dass er 1924 zum Ehrenpräsidenten der neu gegründeten Luxemburgischen Sprachgesellschaft ernannt wurde, zeugt von der allgemeinen Anerkennung, die er genoss.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird das Luxemburgische immer häufiger als Sprache bezeichnet, wobei sich vor allem die Gebildeten schwer damit tun, dies nachzuvollziehen, da für sie Sprache gleichbedeutend mit Schriftsprache und Kultursprache ist. Dieses Dilemma spiegelt sich auch in der Bezeichnung Luxemburgs als dreisprachigem Land wider. Ein klassisches Beispiel dafür liefert Nicolas Ries (1876-1941), der in seinen Ausführungen über den Dualisme linguistique et psychique (Ries 1920, 120-178) der Luxemburger nicht zögert, das Großherzogtum abwechselnd zwei- bzw. dreisprachig zu nennen; ebenso Weber, der verschiedentlich die ambivalente Formulierung: „unsere Zwei- bzw. Dreisprachigkeit“, verwendet (AK 25. April 1935; 22. April 1939; 16. Januar 1940) oder gar von einem viersprachigen Land spricht, wenn er das „Jänische“ mitzählt (AK 27. Januar 1938) oder, an anderer Stelle, wenn er mit dem Augenzwinkern des Satirikers, im unverständlichen Genuschel der „Telephonbeamten“ eine vierte Sprache identifiziert (AK 12. Januar 1917).

Am 10. Mai 1940 wurde Luxemburg von der deutschen Wehrmacht eingenommen und im August annektiert. Die erste Maßnahme der neuen Zivilverwaltung war die Verordnung vom 6. August 1940 über den Gebrauch der deutschen Sprache im Lande Luxemburg (vgl. Dostert 1985, 110-115). Als Teil des Gaus Moselland sollte Luxemburg einsprachig und Französisch aus dem öffentlichen Leben verbannt werden. Die luxemburgische Mundart wurde aber keineswegs verboten. Sie wurde im Gegenteil als Beweis der deutschen Volkszugehörigkeit gefördert, nur sollten die französischen Lehnwörter – wie Äddi und Bonjour – und auch die nicht-deutschen Schriftzeichen – wie Akzente und Trema – ausgemerzt werden. In der Rechtschreibfrage hatte sich Weber für eine pragmatische, die Verortung „unsere[r] moselfränkische[n] Mundart in das deutsche Sprachgebiet“ nicht leugnende Herangehensweise und ein Beibehalten der deutschen Kurrentschrift auf Kosten der Antiqua ausgesprochen (AK 29. Dezember 1939). Dass sich dahinter keine Deutschfreundlichkeit verbarg, wie Weber gelegentlich unterstellt wurde, sollten die letzten Blätter seines Abreißkalenders beweisen.

Batty Weber, inzwischen achtzig Jahre alt, beschreibt in seinem Tagebuch, wie er seine Unterschrift unter ein Memorandum setzte, in dem sich eine Reihe von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens direkt an Hitler wandten, um den Wunsch „der gesamten Bevölkerung […] auf Beibehaltung [eines] staatlichen Eigenlebens im Rahmen der neuen europäischen Ordnung“ zum Ausdruck zu bringen (zitiert nach Artuso 2013, 90). Dieser Versuch, unter den neuen machtpolitischen Vorzeichen eine marginale Eigenständigkeit Luxemburgs zu bewahren, wird von der heutigen Geschichtsschreibung als kollaborationistischer Anbiederungsversuch interpretiert, zeugt aber vor allem von verzweifelter Hilflosigkeit, die sich auch in Webers Tagebuch niederschlägt. Seine Stimmung beschreibt er mit den Worten „wie zum Tode verurteilt und weiß nicht, wann hingerichtet“ (zitiert nach Weber 2020, 351f.). Trotz dieser Schwermut und der Pressezensur verfasste er weiterhin fast täglich ein Kalenderblatt, von denen vier zensiert wurden. Unter diesen sticht die Glosse vom 27. Mai 1940 besonders hervor. Mit echter oder gespielter Naivität will er den Besatzern das wahre „Wesen unseres Volkscharakters“ erklären, indem er die Quintessenz seines Sprachverständnisses und die Logik der „Doppel- oder Mischkultur“ zusammenfasst, die eine Parteinahme für Deutschland oder Frankreich verbietet (AK 27. Mai 1940). In der Regel wendet er sich jedoch harmloseren Themen zu. Er widmet sich sogar noch zweimal der luxemburgischen Rechtschreibung, um die neuen Vorschläge der kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten eingesetzten Rechtschreibkommission zu kritisieren, weil sie die seit langem vorgeschlagenen „Vereinfachungsmethoden“ ablehne und nur neue „Verwirrung“ stifte (AK 19. Juni 1940; 30. Oktober 1940).

Der Zensor hatte auch nichts gegen Batty Webers nostalgische Exkurse über alte luxemburgische Volkslieder (vgl. AK 18. September 1940) einzuwenden, auch wenn diese als Hoffnung auf eine Zeit nach der Besatzung gelesen werden können. Noch deutlicher wird ein Kalenderblatt über Redensarten (vgl. AK 12. Oktober 1940), in dem durch eine volksetymologische Umdeutung der Wendung „jee jee“ die Besatzer zum Fortgehen aufgefordert werden. In einem seiner letzten Kalenderblätter bezieht er sich explizit auf das Sprachendekret und das offizielle Verbot der „französischen Einsprengungen“, indem er im ironischen Ton über den Fluch „M[erde] nondidjöß“ glossiert (AK 28. November 1940).

Batty Weber starb am 15. Dezember 1940 und erlebte den Akt des zivilen Ungehorsams vom 10. Oktober 1941 nicht mehr, als die Bevölkerung eine Verwaltungsmaßnahme in einen „Volksentscheid“ über das Sprachstatut des Luxemburgischen umfunktionierte (vgl. Hoffmann 1987a, 113ff.). Bei einer Art Volkszählung, der sogenannten „Personenstandsaufnahme“, bei der u.a. nach der Staatsangehörigkeit, der Muttersprache und der Volkszugehörigkeit gefragt wurde, war die Zahl der Auskunftsbögen, die nicht im Sinne der Besatzer beantwortet wurden (Luxemburgisch statt Deutsch wurde als Muttersprache und Volkszugehörigkeit angegeben), so hoch, dass die Verwaltung auf eine Auszählung verzichtete. Dadurch bekräftigten die Luxemburgerinnen und Luxemburger nicht nur ihren Willen zur nationalen Unabhängigkeit, sondern haben auch „das Letzeburgische als Nationalsprache anerkannt“ (Polenz 1999, 152). Dies beeindruckte jedoch weder die Nazis noch die Sprachwissenschaftler, die nach dem Krieg zur „linguistischen Wahrheit“ – so die gängige zeitgenössische Formulierung eines Joseph Hess oder Robert Bruch (vgl. Fehlen 2013a, 34f.) – zurückkehrten, nämlich dass das Luxemburgische eine deutsche Mundart sei.

Sprache als „völkerpsychologische Wirklichkeit“ oder „soziologisches Phänomen“

Das Sprachenregime, das sich in Luxemburg nach 1839 herausbildete, ist für das 19. Jahrhundert in Westeuropa einzigartig. Nur fehlt in dem kleinen, armen und durchweg ländlich geprägten Land eine Deutungselite, um die gesellschaftliche und individuelle Mehrsprachigkeit zu reflektieren. Die wenigen Intellektuellen – meist Lehrer, Journalisten, selten Politiker – stehen hilflos der „One nation – one language“-Sprachideologie gegenüber, wie sie damals in den beiden Nachbarstaaten, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen, vorherrschte.

Frankreich war seit Ludwig XIV. ein zentralisierter Staat, dessen Sprache seit 1634 von der Académie als Standardsprache gepflegt wurde und über seine Grenzen hinaus als Universalsprache der Vernunft und Aufklärung anerkannt war. Als das französische Volk seine Revolutionen machte, sprachen nach der zeitgenössischen Zählung des Abbé Grégoire drei Viertel der Franzosen verschiedene Regionalsprachen, ein Zehntel „richtiges“ Französisch und der Rest verschiedene französische Dialekte, die als Patois, als verdorbene Sprachen, galten. Alle sollten Französisch lernen, um an politischen Entscheidungen und am gesellschaftlichen Fortschritt teilhaben zu können.

Anders im deutschen Sprachraum: Dort gab es „keine Staatlichkeit, die in einen Nationalstaat umdefiniert werden konnte“, deshalb übernahmen Sprache und Abstammung diese Leerstelle und es wurde die „Volkszugehörigkeit über die Muttersprache“ definiert (Jansen und Borggräfe 2007, 40). So erfuhren die imaginierte Abstammung und die an der Mutterbrust erlernte Sprache im 19. Jahrhundert eine Überhöhung „ins Mythologische und Sakrale“, die sich nach Gardt (2000, 258f.) in einer „terminologisch völlig unspezifische[n] Überlagerung der Begriffe Volk, Nation, Geist, Seele, Wesen mit dem der Sprache zu Volksgeist, Sprachgeist, Sprachvolk, Nationalgeist, Nationalsprache, Volksseele, Sprachseele […] usw.“ ausdrückte. Oder zeitgenössischer ausgedrückt: Das Wort Muttersprache wurde zum Stellvertreter einer ethnokulturalistisch gelesenen nationalen Gemeinschaft und zum Gegenpol einer politisch gedachten Staatsnation.

Beide Diskurse sind nicht nur Identitätskonstruktionen, sondern haben sich im Laufe der Zeit auch in staatlichen Institutionen und Gesetzen verkörpert. Das in Deutschland vorherrschend ethnisch-kulturelle Nationverständnis geht in der Regel mit einer auf dem ius sanguinis basierenden Definition der Staatsbürgerschaft einher und wird daher auch als Abstammungsnation bezeichnet, während dem in Frankreich vorherrschenden Verständnis der Nation als politische Schicksalsgemeinschaft das ius solis entspricht (vgl. Brubaker 1994). Die plakative Gegenüberstellung von Deutschland als Kulturnation und Frankreich als Staatsnation stellt sicherlich eine argumentative Verkürzung dar (vgl. Brubaker 1999), ist aber im luxemburgischen Kontext hilfreich, da sie ein zentraler Topos der innerluxemburgischen Debatten war. Seit der Revolution von 1848 wurde, wie Batty Weber schreibt, Liberalismus mit Franzosentum gleichgesetzt, und die konservativen Kräfte versuchten, „den französischen Teufel durch den preußischen Beelzebub auszutreiben“ (AK 16. Oktober 1927).

Spätestens seit der Auflösung des Deutschen Bundes (1867) und verstärkt nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) wollten die Luxemburger – und wohl auch die Luxemburgerinnen, die damals nicht zu Wort kamen – an der Eigenstaatlichkeit des Großherzogtums festhalten, was sich auch in der Umdichtung des Refrains der seit 1859 mit großer Begeisterung gesungenen Festkantate von Michel Lentz ausdrückte. Aus: „Mir wëlle bleiwe wat mer sinn“, wurde im Volksmund: „Mir wëlle jo keng Preise ginn“. Nach der Annexion Elsass-Lothringens durch Deutschland kam es zu einer von Haubrichs (1996) als „Krieg der Professoren“ bezeichneten Debatte zwischen deutschen und französischen Intellektuellen, um die Einverleibung dieser Territorien zu legitimieren. Gegen die deutsche völkische und sprachpolitische Argumentation lieferte Ernest Renan (1823-1892) seine bekannte politische Definition der Nation: „Weder die Race noch die geographischen Grenzen, die Sprache, die Religion oder die Dynastie [sind] für die Existenz einer Nation bestimmend“, sondern der politische Wille ihrer Bürger, eine Gemeinschaft zu bilden. So lautet der zentrale Satz, wie er im Luxemburger Wort (15. März 1882, S. 2) zitiert wurde. Dass diese Definition eine Steilvorlage für Luxemburg im Kampf gegen den deutschen sprachnationalen Annexionismus hätte sein können, wurde damals nicht verstanden. Auch später findet sich die Definition der „Luxemburger“ als Willensnation nur ausnahmsweise, z.B. bei Ludovicy (vgl. 1939), der vor einer Verwechslung („confusion“) der Begriffe Sprache, Nation und Rasse warnt.

Dabei ist dieses Argument im etatistischen und legitimistischen Diskurs, wie er seit der eigentlichen Staatsgründung nach 1839 (genauer 1841) stattfindet, angelegt. Die offizielle Zweisprachigkeit wurde rein utilitaristisch begründet, wie etwa in der ersten didaktischen Reflexion über den Sprachunterricht in der Grundschule von 1844: „Il est avantageux pour nous de pouvoir être allemands parmi les français, et de pouvoir être français parmi les allemands.“ (Zitiert nach Fehlen 2019, 272). Der logische Fluchtpunkt dieser Argumentation ist der Begriff der Mischkultur, der vor dem Ersten Weltkrieg von Batty Weber, Frantz Clement (1882-1942) und anderen geprägt wurde. Laut Claude D. Conter besagt er,

„dass das Luxemburgische einerseits eine eigenständige Kultur zwischen der französischen und der deutschen darstellt und andererseits auf Grund des Bilinguismus wesentlich von der Adaption kultureller Einflüsse der Nachbarländer geprägt ist und daher zur Vermittlung zwischen beiden Ländern prädestiniert sei.“ (Conter 2008, 23).

Doch ist es Batty Weber damit gelungen, die „Aporien einer auf Sprache zentrierten Kulturdefinition“ zu überwinden (ebd.), wie Conter meint? Gibt es die von Weitzel (1992, 106f.) unterstellte Entwicklung von einer frühen „rassische[n], völkische[n]“ zu einer späteren „linguistische[n]“ und schließlich einer „national-historische[n] Argumentationsstrategie“, die ab ca. 1937 „das Volk und die Dynastie“ als „Schicksalsgemeinschaft“ sieht?

Das (deutsche) ethnokulturelle essentialistische Sprachverständnis ist bei Weber implizit immer im Begriff der Muttersprache zugegen und scheint besonders auf, wenn es darum geht, die luxemburgische Eigenstaatlichkeit – Weber spricht ab 1935 vermehrt vom nationalen „Eigendasein“ – gegen pangermanistische Bedrohungen zu verteidigen. Die Kontinuität reicht vom bekannten Mischkulturtext von 1909 und frühen Kalenderblättern (vgl. z.B. AK 4. Januar 1919) bis zu einem der letzten, von der NS-Zensur verbotenen, in dem das „Festhalten an der Muttersprache [als] der beste Beweis dafür [gilt], daß dem Luxemburger seine völkische Eigenart von jeher im Blut festsitzt“ (AK 27. Mai 1940). Die von Ludovicy monierte Konfusion zwischen Volk und Sprache scheint total, etwa in der Aussage: „Daß wir eine eigene Muttersprache haben, ist der beste Beweis dafür, daß wir ein Volk sind“ (AK 15. Oktober 1938).

Abb. 1: Weber, Batty. „Ueber Mischkultur in Luxemburg“. Münchner Neueste Nachrichten. Beilage, 20. Januar 1909, S. 121-124.
Abb. 1: Weber, Batty. „Ueber Mischkultur in Luxemburg“. Münchner Neueste Nachrichten. Beilage, 20. Januar 1909, S. 121-124.

Explizit wird der Einfluss des deutschen ethnokulturellen Sprachdenkens im Kalenderblatt vom 10. März 1937, in dem Weber sich auf Peter Kleins Sprache der Luxemburger als Inspirationsquelle beruft und eine längere Passage zitiert, mit dem von Jakob Grimm übernommenen Kerngedanken: „unsre sprache ist der volle athem unserer seele, der treueste abdruck unseres wesens: was wir sprechen, das sind wir.“ Doch anders als Klein und später Nikolaus Hein lässt er das (Hoch-)Deutsche nicht als Muttersprache gelten, da die „Muttersprache […] nur der gesprochene, nicht geschriebene Ausdruck von Gedanken und Gefühlen [ist]. Der geschriebene, also überlegte, gesiebte, maskierte, aufgemachte [sic] Ausdruck eines Inneren ist Vatersprache.“ (AK 8. Februar 1936; vgl. auch AK 18. Juni 1938).

Die von Weitzel bei Batty Weber vermutete Entwicklung gibt es ebenso wenig wie einen klaren Bruch mit einem ahistorischen, essentialistischen Sprachbegriff, wohl aber ein lebenslanges Ringen um das Verständnis der von ihm beobachteten und in den Kalenderblättern anekdotenreich beschriebenen gesellschaftlichen und individuellen Mehrsprachigkeit. Weber fehlte nur der begriffliche Rahmen, wie die etwas hilflose Unterscheidung zwischen Muttersprache und Vatersprache oder der folgende Satz aus einem Vortrag im Frankfurter Rundfunk zeigen, in dem gleich drei verschiedene Sprachauffassungen nebeneinandergestellt werden: „Luxemburg gilt allgemein als zweisprachiges Land. Das ist zu wenig und zu viel: Es ist entweder einsprachig oder dreisprachig.“ (Weber 1929) Es ist zweisprachig, wenn man von den beiden in der Verfassung verankerten Amtssprachen ausgeht, einsprachig, wenn man unter Sprache die volksstiftende Muttersprache versteht, dreisprachig, wenn man die im gesellschaftlichen Alltag omnipräsenten Sprachen berücksichtigt.2

Berücksichtigt man als vierte Dimension die tatsächliche individuelle Sprachkompetenz der Bevölkerung, so löst sich das Ideal der gesellschaftlichen Dreisprachigkeit in eine komplexere Gleichung auf: „Wir [sind] ein dreisprachiger Volkskörper […], wobei die Drei eigentlich nur 1 + ½ + ⅕ oder ähnlich bedeutet.“ (AK 6. Oktober 1935). Im Kontext der vielen dem alltäglichen Sprachgebrauch gewidmeten Kalenderblätter lässt sich die Gleichung wie folgt interpretieren: Alle Luxemburgerinnen und Luxemburger können Luxemburgisch, die Hälfte Deutsch und ein Fünftel Französisch.

Angeregt durch den Soziologen Émile Durkheim (1858-1917) begannen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sprachwissenschaftler wie Antoine Meillet, Sprache bzw. Sprechen als „fait social“ zu reflektieren (Mucchielli 1998, 359-381), was üblicherweise mit „sozialem Handeln“ oder „sozialer Tatsache“ übersetzt wird. Dem bekanntesten Werk Durkheims über den Selbstmord als „fait social“ widmet Weber ein Kalenderblatt (vgl. AK 14. Januar 1931), in dem er den Begriff mit „soziologisches Phänomen“ übersetzt und zeigt, dass er sich einem soziologischen Blick auf seine Umwelt keineswegs verschließt. Dieser zeigt sich auch oft in seinen, im nächsten Abschnitt unter dem Titel Soziolinguistik im Plauderton vorgestellten Beobachtungen des Sprachgebrauchs.

Während der politische Unabhängigkeitswille in den 1930er Jahren zunahm, wurde der intellektuelle Diskurs durch die Übernahme „deutscher“, ethnokultureller, ja völkischer Kategorien bestimmt, wie es die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts zeigt. Dem ethnisch-kulturellen und dem politischen Selbstverständnis der nationalen Gemeinschaft entsprechen auch zwei rechtliche Konzeptionen von Staatsbürgerschaft, die bislang das Staatsbürgerschaftsrecht mehr oder weniger stark geprägt hatten. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre herrschte angesichts der unsicheren Zeitumstände, der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Flüchtlingsströme eine Atmosphäre der Abschottung, und es begann eine Diskussion über die Erschwerung des Erwerbs der Staatsbürgerschaft (vgl. Scuto 2012, 191-212).

Am 21. Januar 1938 erschien in der luxemburgischen Tagespresse eine amtliche Mitteilung des Justizministeriums, dass in Zukunft die „geläufige Beherrschung der luxemburgischen Sprache [eine] unbedingte […] Voraussetzung“ für den Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Naturalisation oder Option sei (ebd., 211). Wie dies überprüft werden sollte, wurde nicht erklärt. Dieses Vorpreschen des Justizministeriums führte zu breiten Diskussionen bis in die deutsche Presse hinein. Batty Weber, der gelegentlich vor Überfremdung gewarnt hatte (vgl. AK 8. Januar 1936), begrüßte den Vorschlag und wollte im Gegensatz zu seinem Freund, dem rheinischen Schriftsteller Alfons Paquet (1881-1944), darin kein Abschottungsinstrument sehen, um „den Zustrom von Ausländern auf ein erträgliches Maß zu beschränken“, da die Sprache erlernbar sei (AK 30. Januar 1938).

Das Gesetz vom 9. März 1940 über die luxemburgische Staatsbürgerschaft (Loi du 9 mars 1940 sur l’indigénat luxembourgeois) nahm dieses Dekret letztlich nicht auf, schon weil Luxemburgisch vor dem Zweiten Weltkrieg von den Gebildeten kaum als Sprache anerkannt wurde. Da es sich nicht um eine standardisierte Schriftsprache handelte, hätte sich die Überprüfung seiner Beherrschung auf eine mündliche Prüfung beschränken müssen, die zumindest bei deutschen Muttersprachlern, vor allem aus den Nachbarregionen, nur durch eine aufwändige phonetische Untersuchung hätte gewährleistet werden können (vgl. Feltes 1938, 425). Denn insgeheim wusste jeder, wie es Weber einmal formulierte: „‚Onns Trierisch‘ ist nämlich fast überall nichts anderes als ‚onns Letzeburgesch‘“ (AK 2. Dezember 1916).

Ironischerweise übernahm das kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten verabschiedete neue Staatsangehörigkeitsrecht die „deutsche“ Rechtslogik der Abstammungsnation und beseitigte den bis dahin noch vorhandenen Rest des aus dem 19. Jahrhundert stammenden ius solis, weshalb Scuto (2006, 77) von einer „opposition par mimétisme“ spricht. Dieser juristischen Kapitulation ging eine intellektuelle voraus: Der politische und kulturelle Diskurs war von ethnokulturellen, ja völkischen Kategorien bestimmt, nur dass „das Deutschtum“ durch „das Luxemburgertum“ ersetzt wurde, und das Luxemburgische erschien nun vielen als letzte Bastion der Eigenstaatlichkeit: „ons Sprôch war a bleiwt de leschte Fort vun onser Selbstännegket“ (o.A. 1938).

Soziolinguistik im Plauderton

Webers Beschreibung des alltäglichen Sprachgebrauchs und sein Versuch, den sprachpolitischen Status des Luxemburgischen zu bestimmen, finden sich auf unzähligen Kalenderblättern,3 die hier, thematisch gebündelt, in sechs eng miteinander verwobenen Argumentationssträngen dargestellt werden. Als Einstieg soll jedoch der wohl bekannteste und am meisten rezipierte Text Webers vorgestellt werden, der viele dieser Themen bereits vorweggenommen hat.

Der 1909 in der Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten erschienene Aufsatz „Über Mischkultur in Luxemburg“ wird vor allem als „Beitrag zur kulturellen Selbstvergewisserung Luxemburgs“ (Marson 2025) und als Grundlegung des Mischkulturkonzepts gelesen. Sieht man von der bereits im zweiten Abschnitt diskutierten impliziten Präsenz einer ethnokulturellen Sprachideologie in der Formulierung der „wahren Muttersprache“ ab, so kann dieser Text durchaus als protosoziolinguistisch bezeichnet werden, da er von der Beobachtung des Sprachgebrauchs ausgeht und die historischen, politischen und geographischen „Verhältnisse“ als das „Primäre“ postuliert, z.B. gegenüber den von der ethnokulturellen Sprachideologie unterstellten sprachimmanenten Eigendynamik. Dazu gehören: die Kleinheit des Landes – „die Nähe der Grenze [ist] ausschlaggebend“ –, seine Geschichte und seine wirtschaftliche Einbindung in den deutschen Zollverein. Durch diese Besonderheiten unterscheidet Luxemburg sich von der Schweiz, dem seit 1871 zum Deutschen Reich gehörenden Elsass-Lothringen sowie dem nur am Rande erwähnten Belgien: Im Gegensatz zu diesen Territorien gibt es in Luxemburg keine territorialisierte, sondern eine individuelle Mehrsprachigkeit: „[D]ie Sprachenmischung [ist] in jedem Individuum vorhanden“. Dies ist jedoch ein Ideal, denn „der geläufige Gebrauch des Deutschen und besonders des Französischen“ bleibt den Gebildeten und jenen vorbehalten, die sich längere Zeit im Ausland aufgehalten haben.

Wider besseres Wissen behauptet Weber, anders als im Elsass seien in Luxemburg „Sprache und Kultur des deutschen wie des französischen Grenznachbarn völlig gleichberechtigt“, und erklärt dies gesellschaftspolitisch: Im damaligen Reichsland Elsass-Lothringen wird ein Teil der Beamten „aus Alldeutschland“ rekrutiert und sorgt „für die Einbürgerung des Hochdeutschen in gewissen Kreisen“, und es gäbe einen gewissen „Druck“ der Behörden gegen Französisch. Weber erwähnt weder hier noch in seinen Kalenderblättern, dass auch in Luxemburg die höchsten Positionen der von 1842 bis 1918 ansässigen Verwaltung des Deutschen Zollvereins preußischstämmigen Beamten vorbehalten blieben. Doch er weiß, dass ihre Präsenz als Ausnahme unter den ansonsten einer nationalen Eigenlogik folgenden Verwaltungen mit dem Französischen als rechtsverbindlicher Sprache nicht die gleiche sprachpolitische Wirkung entfaltet. Genauso bleiben die Prestige- und Funktionsunterschiede zwischen den beiden Sprachen wohl aus Opportunitätsgründen hier im Gegensatz zu den Kalenderblättern unausgesprochen (s.u.).

Der wohl wichtigste Unterschied zu Elsass-Lothringen wird von Weber so formuliert: Luxemburg ist „nicht ein zweisprachiges, sondern ein dreisprachiges Land“, da der Dialekt hier eine „wirkliche Muttersprache“ ist. Wie gezeigt, fällt es Weber schwer, den Sprachenstatus des Luxemburgischen theoretisch herzuleiten, hauptsächlich weil im damals herrschenden Sprachverständnis Sprache als (standardisierte) Schriftsprache definiert ist. Doch diesem Verständnis nach kann das Luxemburgische auch keine Mundart sein, da sein alltäglicher Gebrauch sich nicht auf Familie, Freundeskreis oder untere soziale Schichten beschränkt:

„Der Dialekt, der sonst wo nur die Umgangssprache des Volkes bildet, hat für den Luxemburger die Bedeutung einer wirklichen Muttersprache. Platt wird hier nicht nur im Volk gesprochen, sondern bis hinauf in die höchsten Kreise. Auf einem parlamentarischen Diner beim Premier oder beim Kammerpräsidenten z.B. wird es niemandem einfallen, mit seinem Nachbarn in gewöhnlichem Gespräch etwas anderes zu reden als die heimische Mundart.“ (Weber 1909, 121)

Die in diesem Text entwickelten Argumente wird Weber in zahlreichen Kalenderblättern, angereichert mit immer neuen Anekdoten, wiederholen und nuancieren.

Luxemburgisch und Deutsch

Bis 1919 war Luxemburg Teil des Deutschen Zollvereins. Deutsch war die Sprache der Wirtschaft und der seit 1890 regierenden Dynastie. Die Zahl der deutschen Einwohnerinnen und Einwohner nahm rasch zu. Der Rückgang des Französischen, auch unter den Gebildeten, wird nicht nur in den Reihen des 1905 gegründeten luxemburgischen Zweigs der Alliance Française (s.u.) bedauert. Auch Weber konstatierte 1916 ein zunehmendes „Übergewicht des Deutschen“, das aber bis dahin durch eine verstärkte Präsenz des Französischen in anderen Bereichen, wie etwa im Rechtswesen oder in Parlamentsdebatten, kompensiert wurde (AK 25. Juni 1916). Mit dem Rückgang der Notablen in der Kammer wurde auch dort immer mehr Deutsch gesprochen, und Weber, der als Stenograph die Entwicklung hautnah miterlebte, sah darin eine Gefährdung unserer „Doppelkultur“, die dadurch „eine schiefe Hüfte“ bekäme (ebd.). Anders als im Parlament wurde in den Gemeinderäten auf Luxemburgisch debattiert, und 1920 wurde dies auch im Gemeinderat der Hauptstadt erlaubt, der bis dahin eine Ausnahme bildete. Wie andere Intellektuelle (vgl. Fehlen 2013b, 61) steht Weber dieser Maßnahme ambivalent gegenüber und widmet ein Kalenderblatt den vorgebrachten Pro- und Kontraargumenten. Einerseits sei Französisch „für ein Drittel der Anwesenden spanisch“ und „die Kenntnis des Französischen macht an und für sich einen Mann nicht gescheiter“, andererseits drohe durch die Benutzung des Platts eine „Verflachung“ und ein Niveauverlust der Debatten, es stelle einen Bruch mit der Tradition aus „undenklichen Zeiten“ dar (AK 9. Juni 1920): „In eine Versammlung, wie es die Vertretung der Landeshauptstadt ist, gehört eine höher entwickelte Sprache.“ (ebd.)

Als während der Besatzungszeit im Ersten Weltkrieg auf Drängen der deutschen Militärverwaltung am Telefon Hochdeutsch gesprochen werden sollte, nahm Weber dies zum Anlass, noch einmal darauf hinzuweisen, dass das Luxemburgische die eigentliche Verkehrssprache sei und ein Codeswitching zwischen dieser und dem Hochdeutschen unter Luxemburgisch Sprechenden praktisch nicht vorkomme: „Unser Platt ist nicht unser Négligé, es ist unsere eigentliche Volkstracht, unsere Muttersprache, die die Höchsten, wie die Niedrigsten unter sich reden.“ (AK 7. November 1914) Deshalb beschränkt „der Gebrauch des Hochdeutschen im Verkehr der Luxemburger untereinander […] sich auf einige wenige, ganz bestimmte Fälle“ (ebd.). An erster Stelle steht die Schule, gefolgt von der Kirche, wo Deutsch gebetet und gepredigt wird. Vereinzelte Ausnahmen von Pfarrern, die „sonntags auf Luxemburgisch ihre Gemeinde anpredigen“ (AK 8. Mai 1920), bestätigen die Regel. Im bischöflichen Internat wurden die Gymnasiasten angehalten, hochdeutsch zu sprechen: „Das Luxemburgische war streng verpönt; nicht minder, als das Händeindietaschenstecken. Beide gehörten in die Reihe der Indizienbeweise für innere Verderbtheit.“ (AK 24. April 1931)

Deshalb kommen sich im Alltag „zwei Luxemburger, die miteinander hochdeutsch reden sollen, […] unweigerlich komisch vor“, weil sie sich auf die Schulbank oder in den Beichtstuhl zurückversetzt fühlen. Das ist nicht so beim Französischen, dem sie z.B. bei weinseligen Zusammenkünften verfallen, „sobald ihr Platt der Transzendenz ihrer Gedanken die nötigen Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr bietet“ (AK 7. November 1914). Französisch wird aufgrund seiner Stellung im Schulsystem, wo es Voraussetzung für den Zugang zu höheren Klassen ist, als Sprache der Kultur und des Aufstiegs wahrgenommen. Es ist „uns nicht in die Wiege gelegt“ und muss in einem „leidenschaftlichen Ringen“ erobert werden (AK 4. März 1922). Wer „de Pareil“ und nicht „de Gu’ed“ sagt, wer z.B. versichert, „er mainteniere seine Opinion“, meint dadurch seine „Bildung zu dokumentieren“, läuft aber auch Gefahr, als hochnäsiger oder eingebildeter „Coseng Ficelle“ zu gelten (AK 9. Mai 1914) und belächelt zu werden wie jene reichen Bauernsprösslinge, die „auf die Borga“, d.h. in die Jesuitenschule von Beauregard bei Metz, geschickt wurden, um Französisch zu lernen, und dies zeitlebens stolz durch das Tragen ihrer Schulmütze signalisierten (AK 6. Dezember 1922).

Hochdeutsch war lange Zeit die Sprache der preußischen Garnison und ist auch nach deren Abzug die Sprache des deutschen Annexionismus geblieben. Spiegelbildlich dienen die französische Sprache und die Verwendung französischer Begriffe und Redewendungen der Distanzierung und Identitätsbehauptung nach innen und außen: Bei einer Zugreise in Frankreich dürfen wir „unser Platt nicht sprechen, sonst werden wir als Boches verhauen“, schreibt Weber 1923 in seinem Roman Inseltraum (zitiert nach Fehlen 2012, 45).

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Deutsche zunehmend als Fremdkörper empfunden und das Luxemburgische als Sprache bezeichnet, was von deutschen Sprachnationalisten, als Reaktion auf einen Artikel in der Luxemburger Zeitung, verächtlich als „Entdeckung einer neuen Sprache“ (Ritter 1914) verspottet wurde. Dort hatte vermutlich Batty Weber erklärt, das Luxemburgische bedeute „für den Luxemburger dasselbe wie Deutsch für die Deutschen, Englisch für die Engländer“ (o.A. 1914). Ähnlich wurde Jahre später jenseits der Mosel der sogenannte Ministererlass von 1938 (s.o.) als Erfindung einer neuen Sprache „für die guten 250.000 Moselfranken des Ländchens“ verspottet (zitiert nach AK 28. Januar 1938). Weber verfolgt die Debatten in Deutschland, greift auch selbst ein, z.B. mit einem Vortrag im Frankfurter Rundfunk (vgl. Weber 1929) oder durch seine Kontakte mit deutschen, insbesondere mit rheinischen Schriftstellerkollegen (vgl. AK 30. Januar 1938). Er ist Anlaufstelle für ausländische Journalisten, deren Artikel er gelegentlich im Abreißkalender aufgreift (vgl. z.B. AK 18. April 1936; 27. April 1937), was mitunter zu einer intertextuellen mise en abyme wie in folgender Passage führt. Weber zitiert den Artikel, der als Paraphrase seiner eigenen Formulierungen erkennbar ist, und greift zusätzlich mit einer Anmerkung präzisierend ein:

„Im Platt, in der moselfränkischen Mundart, besteht eine volksgemeinschaftliche Umgangssprache, die alle Stände verbindet. Der Staatsminister spricht sie mit seinem Büroboten und der Generaldirektor mit seinem Chauffeur. Und wenn es im Rat der Landesminister einmal hoch hergeht, dann bleibt das offizielle Französisch beiseite (sogar wenn es nicht hoch hergeht. Anm. d. Setzers) und es wird geredet, wie der Schnabel gewachsen ist, nämlich luxemburgisch“ (AK 27. April 1937).

Neben der Herausbildung einer „volksgemeinschaftliche[n] Umgangssprache“, die weiter unten wieder aufgegriffen wird, bildet das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Amtssprachen ein zweites zentrales Motiv von Webers Sprachbeobachtung.

Webers Lob der offiziellen Zweisprachigkeit

Dem Vorwurf einer angeblichen Deutschfreundlichkeit sah sich Weber vor allem während des Ersten Weltkrieges ausgesetzt. Er wehrte sich stets dagegen (vgl. z.B. Weber 1920), indem er die Bedeutung der gesellschaftlichen Zweisprachigkeit, ja der Äquidistanz zu beiden Sprachen und beiden Ländern betonte: „Jeder Luxemburger, der sich über die geistigen Existenzbedingungen seiner Heimat klar ist, wird es nicht nur als sein Recht, sondern als seine Pflicht empfinden, dafür mit zu sorgen, daß unser kulturelles Gleichgewicht nicht durch Überbeanspruchung nach einer Seite zerstört wird.“ (AK 2. Oktober 1932)

Ganz im Sinne des Muttersprachenideologems geht er davon aus, dass niemand zwei Muttersprachen haben kann. Deshalb sieht er in den zwei Amts- und Unterrichtssprachen, besonders auch in den zwei Parlamentssprachen, den Beweis, „daß weder französisch noch deutsch unsere Muttersprache ist. [Damit] steht es fest, daß unser Luxemburgisch unsere Muttersprache ist“ (AK 22. März 1938). Da das Deutsche leichter zu erlernen ist, müsse das Gleichgewicht zwischen beiden Sprachen mühsam erkämpft werden, in der Schule (s.u.) sowie z.B. durch die Förderung des französischen Theaters, das „unserem Volkscharakter“ ohnehin mehr entspreche als das deutsche (AK 6. Oktober 1922). Auch das „literarische Schaffen“ müsse sich mühsam „in der Sprache zweier großer Kulturvölker heimisch“ machen (AK 22. Februar 1922), und da für ihn das Ringen um die beiden fremden Sprachen konstitutiv für die luxemburgische Literatur ist, neigt er dazu, Schriftsteller wie Marcel Noppeney (1877-1966) oder Paul Palgen (1883-1966), die „in französische Kulturverhältnisse hineingeboren“ wurden, nicht zur luxemburgischen Literatur zu zählen (ebd.). Dies provozierte den Widerspruch der Indépendance luxembourgeoise (4. März 1922) und präzisierende Antworten von Batty Weber (AK 4. März 1922; 9. März 1922), die noch heute als Beitrag zur Definition des luxemburgischen literarischen Feldes gelesen werden können.

Weber erkennt früh, dass das neue Medium Film massenwirksamer ist als die Literatur und sieht im französischen Film „eines der wirksamsten Mittel“, „unsere national bedingte Mischkultur in der richtigen Dosierung zu erhalten“ (AK 2. Oktober 1932). Er bedauert daher, dass mit dem Aufkommen des Tonfilms ein „unleugbarer“ Rückgang wegen seiner „geringere[n] Verständlichkeit“ eingetreten ist (ebd.).

In den 1920er Jahren fanden die von der Bonner Schule akademisch geadelten annexionistischen Argumente Eingang in die luxemburgische Debatte (vgl. Thomas 2011), insbesondere durch einen in der Jong-Hémecht veröffentlichten Text, der die Luxemburger aufforderte, sich zwischen den beiden Sprachen zu entscheiden und das „[deutsche] Volkstum als Schicksal“ anzunehmen (Schneider 1927). Es kam zu einer heftigen Debatte, in der sich die führenden Intellektuellen wie Ries und Noppeney zu Wort meldeten. Auch Weber antwortete, indem er das angeprangerte „Zwittertum“ als positiven Bestandteil der luxemburgischen Kultur reklamierte (AK 16. Oktober 1927). Kurz zuvor hatte er in einer Auseinandersetzung um Norbert Jacques (1880-1954) erklärt: „Ich habe nie begriffen, wieso ein Luxemburger die Zweisprachigkeit nicht als wesentlichen Bestandteil seines nationalen Eigendaseins und ihr Verschwinden nicht als Anfang vom Ende dieses Zustandes nationaler Unabhängigkeit betrachten und demgemäß hochhalten konnte.“ (AK 13. Februar 1927)

Im Januar 1935 entschied die Bevölkerung des Saarlandes über ihren nach dem Ersten Weltkrieg erhaltenen Sonderstatus in einer Volksabstimmung. Neunzig Prozent stimmten für den Anschluss an Deutschland, weniger als ein Prozent für Frankreich. In einem als Luxemburger Glaubensbekenntnis bekannt gewordenen Kalenderblatt setzt sich Weber mit deutschen Stimmen auseinander, die für Luxemburg ein ähnliches Ergebnis voraussagten (AK 4. Juli 1935). Dass „auch nur ein winziger Bruchteil von Luxemburgern für einen Anschluß an Deutschland zu haben wäre“, scheint Weber eine verrückte Vorstellung. Er warnt aber auch vor einem militärischen Bündnis mit Frankreich, das nach einem für ihn nicht unwahrscheinlichen Krieg, unabhängig von dessen Ausgang, „das Ende unserer eigenen Existenz“ bedeuten würde (ebd.). Dass er an seinem Plädoyer für die Zweisprachigkeit unbeirrt festhält, zeigt der Neuabdruck eines 16 Jahre alten Kalenderblattes als Antwort auf die von der Voix des Jeunes, der ASSOSS-Zeitschrift, aufgeworfene Frage nach der „Berechtigung, Zweckmäßigkeit und Bedeutung“ unserer Zweisprachigkeit (Neuabdruck: AK 10. November 1935, ursprünglich AK 4. Januar 1919). Im Rahmen dieser Auseinandersetzung hat die Luxemburger Zeitung auch den berühmten Text über die Mischkultur aus dem Jahr 1909 am 28. Februar 1936 neu veröffentlicht. Als die Cahiers luxembourgeois drei Jahre später bei luxemburgischen Autoren eine Umfrage zum Thema: „Deutsch oder Französisch?“, initiierten (vgl. Cahiers luxembourgeois 1938, Aufruf: 714-718, Antworten: 796-809 und 925-926), wiederholte Weber seine alten Argumente, diesmal jedoch in einem eigens verfassten Text und mit einer neuen vestimentären Metapher: Neben dem „Werktagsgewand unserer Muttersprache [haben wir] zwei Sonntagsanzüge im Schrank liegen.“ (AK 15.Oktober 1938) Das Festhalten an der offiziellen Zweisprachigkeit hat für Weber neben der politisch-identitären auch eine sprachpragmatische Dimension, und das Argument, die Luxemburgerinnen und Luxemburger seien „materiell und kulturell“ auf die beiden in der Schule erlernten Nachbarsprachen angewiesen (AK 6. April 1917), durchzieht einige Kalenderblätter. Hauptgrund dafür ist die geringe kommunikative Reichweite des Luxemburgischen, das wie die eigene Währung „jenseits der Grenze“ keine Gültigkeit besitzt (AK 13. Februar 1927).

Neben dieser rein quantitativen Beschränkung thematisiert Weber auch inhaltliche Defizite: „Leider ist unsre Muttersprache nur ein Mutterplatt.“ (AK 9. Juni 1920) So sei sie z.B. nicht für technische Themen gerüstet (wie „Steuern, soziale Fürsorge, Beamtentum, Eisenbahnen, Zollfragen, Straßenbau, Hygiene“) und man könne sich die „Mühe ersparen“, Luxemburgisch diesen Gebieten „anzupassen“ (AK 22. März 1938). Denn wie andere Sprachen ihre Anleihen bei den Römern oder den Griechen machen, so dürfe man auch „für abstrakte Begriffe und für Dinge, die abseits des materiellen Alltags liegen“, auf Fremdwörter zurückgreifen (AK 5. Juli 1923). So könne man auch „über die transzendentesten Dinge“ auf Luxemburgisch sprechen (AK 15. Oktober 1938), allerdings auf die Gefahr hin, „in die Rolle eines Koseng Ficelle“ aus Dicks Kirmesgäscht zu schlüpfen (AK 22. März 1938).

Im Widerspruch zu dieser Offenheit und seiner generell positiven Einstellung zur Mehrsprachigkeit stehen Äußerungen, in denen er die allgemeine Rückständigkeit des Landes auf die Beschränktheit des Luxemburgischen zurückführt: In den großen Ländern, in denen die Familiensprache „Trägerin einer gehobenen Ideenwelt“ ist, wird der „junge Intellekt“ schon im Kindesalter in der „Arena der Gedanken“ trainiert (AK 1. April 1928). Anders ist das in Luxemburg, wo „unsere Muttersprache […] an einer bestimmten Schwelle nach oben“ versagt (ebd.). Bei anderer Gelegenheit erklärt er eine angeblich weit verbreitete stilistische Nachlässigkeit zur nationalen Untugend:

„Wir sind Demokraten bis in die Stilistik hinein. Wir lassen unsere Gedanken nicht antichambrieren bis sie sich zurechtgekratzt, die Kleider geordnet, die Schuhe abgestaubt, den Schlips zurechtgebunden haben, wir lassen sie ungewaschen und ungekämmt mit der Tür ins Haus zur Audienz fallen. Unsere Sätze sind Mißgeburten. Kälber mit zwei Köpfen und sieben Schwänzen, aber ohne Beine, auf denen sie stehen können.“ (AK 9. März 1922)

So ähnlich in einer weiteren vestimentären Metapher:

„Die Schriftsprachen, die sie jenseits unserer Grenzen reden, haben Appretur. Die Gedanken gehen in ihnen einher im Festtagsgewand, gelten was, setzen sich durch. Wir aber hüllen unsere Gedanken in die Tagelöhnerkluft unseres guten alten Platt und kommen uns mehr oder weniger verkleidet, eingeschient vor, wenn wir deutsch oder französisch konversieren sollen.“ (AK 20. Februar 1926)

Webers ambivalente Haltung gegenüber dem Luxemburgischen erklärt sich auch aus dessen Abwertung in der Schule, an der auch seine Einführung als Unterrichtsfach im Jahre 1912 nichts änderte. Denn im Lehrplan wurde das Luxemburgische nicht als zu unterrichtende Hochsprache, sondern als „Träger der Vaterlandsliebe und Emblem der nationalen Identität“ (Fehlen 2018, 72) aufgeführt. In der Unterrichtspraxis behielt es weiterhin die Funktion eines mehr oder weniger als Umgangssprache geduldeten deutschen Dialekts, den die Kinder auf ihrem Bildungsweg hinter sich lassen mussten.

Manche Lehrer, vor allem an Gymnasien, nutzten die mangelnden Sprachkenntnisse ihrer Schülerinnen und Schüler, um sie zu disziplinieren, so z.B. ein Französischlehrer, der landesweit für die herablassende Behandlung seiner Schüler bekannt war und dessen Vergleich des Luxemburgischen mit Hundegebell zum geflügelten Wort wurde.4 Weber hat diese Abwertung des Luxemburgischen verinnerlicht, wie das folgende Zitat zeigt: „Der alte Neumanns Jang, der uns die französische Grammatik im Athenäum einpaukte, behält Recht: Wenn Ihr das bisschen luxemburger Platt nicht könntet, müßtet Ihr bellen!“ (AK 9. Juni 1920) In drei weiteren Kalenderblättern (vgl. AK 3. April 1924; 23. Oktober 1930; 9. April 1931) wird er darauf zurückkommen (s.u.).

Unterschiedliche gesellschaftliche Stellung und Prestige der beiden Amtssprachen

So wie die Schule in monolingualen Staaten traditionell einen „monolinguale[n] Habitus“ (Gogolin 2008) vermittelt, vermittelt sie in Luxemburg einen multilingualen Habitus, eine spezifische Art des richtigen Sprechens, das Fehlen (vgl. 2009, 37-55) im Anschluss an Bourdieus Konzept des Sprachenmarktes (Bourdieu 2001) als legitime multilinguale Sprachkompetenz beschreibt. An die Stelle der im monolingualen Habitus der Länder mit großen nationalen Kultursprachen verinnerlichten Überlegenheit der „eigenen“ Sprache tritt in Luxemburg eine allgemeine Wertschätzung der Mehrsprachigkeit, eine Abwertung des Luxemburgischen sowie je spezifische Einstellungen zu den beiden Unterrichtssprachen. Diese spezifische Art des Sprechens ist in den Augen Webers, wie Millim (2017, 90) zeigt, die „Muttersprache“ der „verallgemeinerten ‚Luxemburger‘“.

Wie jeder gebildete Mensch, der das luxemburgische Schulsystem durchlaufen und anschließend im Ausland studiert hat, ist sich Batty Weber der Bedeutung der Mehrsprachigkeit bewusst, die nicht nur die Kommunikation mit anderen Menschen und die Öffnung gegenüber anderen Kulturen, sondern vor allem den Ausbruch aus der Enge einer provinziellen und rückständigen Gesellschaft ermöglicht. Nicht zufällig stammt das folgende Weberzitat aus dem Jahr 1919, als viele Intellektuelle angesichts der traumatischen Erfahrungen des Weltkriegs an der Überlebensfähigkeit des Kleinstaates verzweifelten: „Mit jeder Sprache, die ich lerne, reiße ich eine Wand des Käfigs ein, in den ich eingemauert bin.“ (AK 4. Januar 1919)

Als nach der Revolution von 1830 der französischsprachige Teil des Großherzogtums im neuen Königreich Belgien aufging, hätte ein einsprachiges Schulsystem nach dem Vorbild der anderen Staaten des Deutschen Bundes nahegelegen. Der Versuch einer Germanisierung, den der König-Großherzog 1837 mit der Friedemannreform unternahm, scheiterte jedoch aus politischen Gründen, und es wurde ein zweisprachiges Bildungssystem eingeführt, das die Beherrschung der luxemburgischen Mundart voraussetzte und als Lernziel das Erlernen der beiden großen Kultursprachen postulierte.

Französisch galt lange Zeit als fremde Sprache, derer sich die Privilegierten bedienten, „um das Volk in Unterdrückung […] und Unmündigkeit zu halten“, wie der sozialistische Abgeordnete Michel Welter (1859-1924) noch 1905 im Parlament erklärte (zitiert nach Fehlen 2018, 70). Doch mit der deutschen, militärischen Besatzung im Ersten Weltkrieg stieg deren Akzeptanz, und die Frankophilie war nach der deutschen Niederlage vermutlich auf einem Höhepunkt angekommen. Die nach dem Ersten Weltkrieg im Umfeld der Alliance Française (s.u.) erhobenen Forderungen, Luxemburg zu einem französischsprachigen Land zu machen, in dem „nur noch französisch in den Schulen gelernt, in der Kirche gepredigt, vor Gericht plädiert und im Parlament geredet werden darf“ (AK 4. Januar 1919), blieben zwar marginal, doch im Zuge der belgisch-luxemburgischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde Französisch zur wichtigsten Wirtschaftssprache, wie es schon lange die maßgebliche Rechtssprache und die eigentliche Staatssprache war. Wegen der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung beider Sprachen wurde dies jedoch selten so deutlich zum Ausdruck gebracht wie von Staatsminister Joseph Bech (1887-1975) in einem Grußwort an einen internationalen Pädagogenkongress: „Dans l‘administration, nous nous servons des deux langues, bien qu‘une place privilégiée soit concédée au français, qui est la langue officielle.“ (o.A. 1928).

Die politische Abwehr deutscher Annexionstendenzen beeinflusste die Einstellung zu beiden Sprachen bis hin zu ihrer Aussprache: Während man einerseits im Französischen die „pariserische“ Diktion suchte, hielt man andererseits im Deutschen an seinem luxemburgischen Akzent fest, um nicht „preußisch“ und nach „Kommiß“ zu klingen:

„Wenn einer von uns deutsch mit deutschem Akzent spricht, sagen die andern, es klingt so preußisch. Vom Französischen eines Luxemburgers wird nie ein Landsmann mit ablehnender Gebärde sagen, es klingt so pariserisch. Der Unterschied liegt darin, daß uns das Hochdeutsch von klein auf aus nächster Nähe vertraut, und zwar so vertraut ist, wie wir es schon auf unsere Zungen- und Gaumengemächlichkeit zugeschnitten haben, während das Französische als etwas ganz Fremdes in unser Leben tritt, als etwas, bei dem wir ganz von vorn anfangen müssen und das in einer vollständig fremden Umwelt daheim ist. Das ist eine Sprache, die von zuhause Anspruch auf eine Akzentuniform eigener Art hat; aber das Hochdeutsche, das ist so etwas wie ein Vetter aus Berlin, der hier auf Besuch ist und dem wir es übelnehmen, wenn er in seinem heimischen Kommiß Stechschritt macht, statt gemütlich in dem Räuberzivil herumzulaatschen [sic], das wir ihm zur Verfügung stellen.“ (AK 16. April 1931).

Als mühsam erlernte Fremdsprache wurde Französisch in den 1920er Jahren mehr denn je die eigentliche Selektions- und Distinktionssprache. Der Anspruch der Schule, es auf muttersprachlichem Niveau zu beherrschen, wurde auch von Batty Weber übernommen: „Nichts wirkt entsetzlicher, als wenn einer ein Französisch spricht oder schreibt, das direkt übersetzt klingt.“ (AK 4. Juni 1921) Dies führt notwendigerweise zu einer sprachlichen Unsicherheit (insécurité linguistique), die nach Klinkenberg (vgl. 2015, 49f.) typisch für die peripheren Länder der Frankophonie ist. Die Lähmung durch die verinnerlichte überkorrekte Anspruchshaltung kommt im Abreißkalender in der folgenden, mit einer gewissen Frivolität kokettierenden Tanzmetapher zum Ausdruck:

„Unser Französisch ist in der Regel korrekt. Wir wissen mit der Sprache umzugehen. Wie ein Tänzer mit seiner Tänzerin, wenn er fleißig in der Tanzstunde war. Er weiß, wie er sie anfaßt, wie er sie herumschwingt, wie er sie an ihren Platz führt und sich vor ihr verneigt. Alles nach den Regeln der Kunst, fehlerlos in Takt und Rhythmus. Er flüstert seiner Dame keine Zweideutigkeiten ins Ohr und erlaubt sich auch sonst mit ihr keinen Scherz. Dafür kennt er sie nicht intim genug. Ein Franzose, der mit seiner Sprache von Kind auf vertraut ist, darf sich mit ihr allerhand herausnehmen, was wir als Freiheiten, milde gesagt, ansehen könnten. […] Das macht: Er ist mit seiner Tänzerin vertraut, er darf sich mit ihr Fiorituren erlauben, die ein Fremder nicht wagen würde. Er biegt seine Muttersprache zu Wirkungen zurecht, die dem Alltag ausweichen, aber dem Geist der Sprache folgen.“ (AK 17. September 1933)

Auf die Spitze getrieben wird die Anbiederung an die französische Kultur von verschiedenen Frankophilen, z.B. in der Zeitung L⁠⁠’⁠⁠Indépendance luxembourgeoise, wenn gängige Ortsnamen französisiert werden. Batty Weber hat dafür Verständnis, wenn dies nicht wie in Belgien aus politischen, sondern aus ästhetischen Gründen geschieht: „So muß der französisch sprechende Luxemburger die Möglichkeit haben, von seinen heimischen Zuständen zu reden, ohne deutsche Vokabeln einzuflechten […], ohne die glatte Linie seines französischen Satzes durch einen fremdsprachigen Höcker zu unterbrechen.“ (AK 16. Juli 1921) Sogar gegen Brême-le-Gué für sein heimatliches Stadtbredimus hat er nichts einzuwenden.

Von der eingebildeten zur wirklichen Zweisprachigkeit

Die reale Sprachkompetenz hat sich seit der Einführung der zweisprachigen Grundschule 1843 kontinuierlich verbessert, doch ist sie noch immer weit von dem als Messlatte für den schulischen Erfolg dienenden Ideal entfernt. Diesem Auseinanderklaffen zwischen Ideal und Wirklichkeit widmet Weber unzählige Kalenderblätter: „Die Behauptung, wir seien ein zweisprachiges Land [klingt], wie ein Hohn auf die tatsächlichen Verhältnisse.“ (AK 4. Januar 1919) Deshalb bedarf es einer Reform des Sprachenunterrichts, damit „aus der eingebildeten […] eine wirkliche Zweisprachigkeit [wird], an der nicht nur die paar tausend Studierte, sondern alle Luxemburger teilhaben“ (ebd.). Die Hauptschuld habe der Französischunterricht, der den Kindern „eine unheilbare Abscheu gegen jede weitere Beschäftigung mit dieser Sprache einimpft“ (ebd.), weil er nicht das Sprechen lehre, sondern Grammatik als „geistige Gymnastik“ zelebriere (AK 24. November 1916). Das Ergebnis sei eine „Kraftvergeudung“, eine „siebenjährigen Schinderei“, ein „Verbrechen an Lehrer und Schülern“ (AK 9. Juni 1920).

In zahlreichen Kalenderblättern diskutiert Batty Weber Reformvorschläge (z.B. AK 6. Juni 1936; 19. Juli 1936) und kommt dabei immer wieder – „zum 37. Mal“ (AK 19. Februar 1925) und als „Ceterum Censeo“ (16. April 1931) – auf den seiner Meinung nach effizientesten Vorschlag zurück: den Einsatz französischsprachiger Lehrer für die Ausbildung von Grundschullehrern. Ein „stockfranzösischer Lehrer“ würde auf die künftigen Lehrer unserer Kinder „abfärben“ (AK 9. Juni 1920). Die Mädchennormalschule und die Schulschwestern, die durch die enge Verbindung mit dem Mutterhaus in Nancy ein „fließendes Französisch“ erlernen, gelten ihm als positives Beispiel (AK 18. März 1925).

Weber wird nicht müde gegen die luxemburgische Aussprache zu polemisieren: „[D]as zierliche Seidengewand [der französischen Aussprache; Anm. d. Verf.] [stecken wir] in das grobe Moltong unseres primitiven Zungenschlags“ (AK 21. November 1913). Nicht besser steht es in seinen Augen um den deutschen Akzent: „Manchem gebildeten Luxemburger mag es passiert sein, daß Deutsche, wenn er deutsch zu ihnen sprach, erst verblüfft aufhorchten und nicht wußten, was aus seinem Munde kam“ (ebd.), weil u.a. die „härtesten Konsonanten so weich […] wie warme Butter“ betont werden (AK 25. Juni 1916). Da „unsere Akademiker vorwiegend an französischen Hochschulen studieren“, ist „unser Französisch als Stil und Aussprache waschechter [als unser Deutsch]“ schreibt Batty Weber (AK 15. Oktober 1938) und liefert genüsslich unzählige Stilblüten in „Luxemburger Deutsch“, womit er in diesem Kontext „nicht die luxemburger Mundart, sondern das Hochdeutsche, das wir uns hier zurechtmachen“, versteht (AK 18. Mai 1924).

In seinen Augen beherrschen seine Landsleute keine der beiden Sprachen, was man auch als doppelte Halbsprachigkeit bezeichnen könnte, ein Begriff, den Weber zwar nicht verwendet, der aber in zahlreichen Kalenderblättern illustriert wird. So auch in einer schelmischen Anekdote, die zeigt, dass die im Ausland oft bewunderte Mehrsprachigkeit nur Fassade ist. Als Beleg dafür zitiert er eine Geschäftskorrespondenz in beiden Sprachen. Sowohl die deutschen als auch die französischen Briefe sind voller Fehler, aber ihr Verfasser genießt „in Frankreich und in Deutschland den Ruf verfeinerter Geistigkeit“, weil „die Franzosen bei ihm eine umfassende deutsche, die Deutschen eine nicht minder umfassende französische Bildung“ vermuten. (AK 30. September 1931)

Die Dreisprachigkeit als konstitutives Element „unserer Volksseele“

Unabhängig von der „realen Zweisprachigkeit“ der Bevölkerung – also der unterschiedlich verteilten individuellen Sprachkompetenz – und der asymmetrischen Einstellung zu den beiden Sprachen ist Luxemburg offiziell ein zweisprachiges Land und wird, wie die zitierte Anekdote zeigt, auch von außen als solches anerkannt. Im Innern wird die neu entstandene Verkehrssprache, die über den lokalen Dialekten steht, von immer mehr Menschen als Sprache angesehen, obwohl sie kaum geschrieben wird und von den Gebildeten in der Regel nicht als Kultursprache betrachtet wird.

Innerhalb der kleinen Deutungselite, die diese komplexe Mehrsprachigkeit zu interpretieren versucht, nimmt Batty Weber eine Sonderstellung ein, nicht nur, weil er als einer der Ersten Luxemburg als dreisprachiges Land bezeichnete, sondern auch, weil er zwischen dem gesellschaftlichen Sprachstatus, dem Sprachgebrauch und der tatsächlichen individuellen Sprachkompetenz zu unterscheiden wusste, wie ein frühes Zitat zeigt: „Wir bilden uns ein, wir seien ein zweisprachiges Land. Einige kommen der Wahrheit näher. Sie sagen: Wir sind dreisprachig – indem sie dabei unsere Muttersprache mitrechnen, die die andern merkwürdigerweise als nicht vorhanden anzusehen scheinen“ (AK 12. Januar 1917). Oder zwanzig Jahre später: „Wir sind ein unabhängiges, aber dreisprachiges Land. Ich möchte sagen, wir sind mehr unabhängig als dreisprachig“, denn die meisten Luxemburger sind nur „zweisprachige Bürger“, da sie „neben der von Kindsbeinen an von selbst erlernten vaterländischen Mundart“ nur ein rudimentäres Deutsch beherrschen und das mühsam erlernte Schulfranzösisch vergessen haben (AK 1. Januar 1935). Weber verteidigt die Dreisprachigkeit als konstitutives Element „unserer Volksseele“ – heute würde man sagen: nationalen Identität – nach allen Seiten: gegen Sprachnationalisten,5 wie Lucien Koenig alias Siggy vu Lëtzebuerg, die das Luxemburgische zum alleinigen Bestimmungsmerkmal erheben wollen, ebenso wie gegen jene, für die das Luxemburgische nur ein deutscher Dialekt oder eine deutsche „Stammessprache“ ist.

Gleichgesinnte findet Weber noch am ehesten in der Alliance Française, die mit ihren vielfältigen Aktivitäten versucht, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei der Beherrschung der französischen Sprache zu verringern. Auch ihr Vordenker, Marcel Noppeney, der zeitlebens nicht müde wurde, alle Luxemburgismen und Belgizismen scharf zu bekämpfen, wusste zwischen individueller und gesellschaftlicher Zweisprachigkeit zu unterscheiden und sah in der unvollkommenen Verwendung des Französischen („l’usage de la langue française, même incomplet, même incorrect“, Noppeney 1933, 52) eine Garantie für die politische Unabhängigkeit. Der mit Noppeney befreundete Weber genoss bei den Frankophilen hohes Ansehen, und sein Werk galt ihnen als Beweis dafür, dass die Luxemburger trotz ihres deutschen Dialekts eine tiefere Affinität zum französischen Geist („génie“) als zum deutschen hätten („en dépit de notre dialecte germanique, nous avons des affinités plus profondes avec le génie français qu‘avec le génie allemand“, Alliance Française 1930, 25). Der eigentliche Dissens zwischen den beiden lag in der Einschätzung des Luxemburgischen, dem die Frankophilen nur ein sehr geringes Prestige zuschrieben, das sie aber keineswegs nur als Dienstbotensprache benutzten, wie Noppeney oft fälschlicherweise unterstellt wurde (vgl. Wilhelm 1996, 186).

Webers Nähe zur Alliance Française und der Versuch, diese für die Dreisprachigkeit zu gewinnen, wird durch ein bemerkenswertes Kalenderblatt (vgl. AK 9. April 1931) belegt, das er anlässlich des Erscheinens einer Festschrift zu deren 25-jährigem Bestehen verfasst. Er singt ein Loblied auf das Französische, das er nicht als Sprache Frankreichs, sondern als Universalsprache verstanden wissen will, erkennt die Unterordnung des Luxemburgischen unter die großen Schriftsprachen an und übergeht die realen Schwierigkeiten des zweisprachigen Unterrichts, die ihm sonst eine unerschöpfliche Quelle für seine Glossen sind, bevor er die Losung „Dreisprachigkeit!“ ausruft:

„Unser alter Lehrer des Französischen […] pflegte den Unterricht vor einer neuen Klasse einzuleiten mit den Worten: ‚Wann der dat beßche letzeburger Daitsch net könnt, da mißt der billen!‘ Er hatte tausendmal recht. Unsere Mundart hat keinen natürlichen schriftsprachlichen Überbau. Und wo der Unterricht künstlich von ihr weg in das Gebiet der Schriftsprache mit Weltgeltung führt, da teilen sich die Wege. Aber da müssen wir wahr machen, daß Teilung nicht Schwächung, sondern Stärkung, nicht Halbierung, sondern Verdoppelung ist. Ließen wir die eine Richtung verkümmern, so würden wir zu einem unterganggeweihten Anhängsel eines Nachbarn. […] Darum immer und immer wieder die Losung: Dreisprachigkeit!“ (ebd.)

Die hier verwendete Formulierung, „[u]nsere Mundart hat keinen natürlichen schriftsprachlichen Überbau“, negiert die Verwandtschaft des Luxemburgischen mit dem Deutschen, lässt aber auch Webers Überzeugung von der Notwendigkeit einer Standardisierung des Luxemburgischen erkennen, die sich vor allem in der damals aktuellen Diskussion um die Rechtschreibfrage ausdrückt.

Standardisierung und Rechtschreibung

Dass generell die „Mundarten besser und älter sind als die Schriftsprache“ (AK 3. April 1924) und daher auch „unser Sprachgut dem Schriftdeutschen gegenüber jedenfalls das ältere“ ist (AK 12. Februar 1916), ist ein damals gängiger Topos, den Weber manchmal verwendet, an dem er aber auch gelegentlich leise Zweifel äußert, wohl wissend, dass in dieser Behauptung vor allem ein „gutgemeinter Patriotismus“ (AK 21. November 1936) zum Ausdruck kommt, der implizit den ständigen Sprachwandel leugnet. Dieser ist unübersehbar, „auf dem Lande weniger als in der Stadt“, eher bei den Jungen als bei den Alten (AK 29. Oktober 1913). „Und da unser Platt keine Schriftsprache ist, geht seine Entwicklung ohne jegliche wissenschaftliche Kontrolle vor sich.“ (ebd.)

Die mehr oder weniger wohlwollende Beschreibung dieser sprachlichen Entwicklung findet sich in vielen Kalenderblättern: Einerseits mokiert Weber sich über den Purismus eines Siggy vu Lëtzebuergs, der, ohne namentlich genannt zu werden, für jedermann unschwer als Möchtegernpräsident einer Luxemburger Akademie mit „palmenbestickte[m] Frack“ zu erkennen ist (AK 29. Oktober 1913). Andererseits würde er es begrüßen, wenn „40 Unsterbliche [académiciens; Anm. d. Verf.] mit gezücktem Degen“ zur Stelle wären, um einigen von „Schulbuben“ geschaffenen „Sprachmonstren“ wie: „Ech hu’ kruht“, Einhalt zu gebieten (ebd.). Auch wenn ihm eine „widersinnig angewandte oder missbrauchte“ sprachliche Neuerung „gegen den Strich geht“, behält Weber doch genügend Distanz, um den von ihm beobachteten Sprachwandel als unaufhaltsam anzuerkennen. Er ist sich auch bewusst, dass dieser nicht zufällig von der Jugend getragen wird und auf den gesellschaftlichen Veränderungen beruht, die er z.B. durch die Stationierung von Zöllnern in seinem beschaulichen Heimatdorf initiiert sieht: „Wie ein Luftzug von draußen in einer Bauernstube“ bringen diese Grünröcke die Emanzipation der Jugend, neue Sitten und einen Sprachwandel mit sich (AK 10. März 1920):

„Das Bedauerliche ist, daß die Leute immer damit anfangen, die hervorragendsten Merkmale ihres Mutterplattes abzustoßen [,] und dann meinen, sie reden schon, wie Luxemburger, die um den Fischmarkt herum geboren sind. […] Ist es schade oder ist es ein Glück, daß sich da ein Ausgleich vollzieht, daß statt der vielen Ortsdialekte ein einheitlicher Landesdialekt sich herausbilden will? Ist es schrullenhaftes Provinzlertum, daß ich mir einbilde, es ginge ein wirklicher Nationalkulturwert verloren, wenn die Diekircher einmal nicht mehr ‚hi’eren‘, die Wiltzer nicht mehr ‚nick‘ und die Moselaner nicht mehr ‚wel’ kre’sche kä me’‘ sagen?“ (ebd.)

Bereits fünf Jahre zuvor hatte er den Rückgang der Ortsdialekte beklagt und bedauert, dass unsere Sprache „verwässert und verzuckert“, ja sogar „entmannt“ wird: „Unser Luxemburgisch ist prätentiös und lächerlich geworden, wie eine Köchin, die an ihrem Ausgehtag sich als Dame anzieht.“ (AK 8. Januar 1915)

Webers Beobachtungen unterstützten die Analyse des von ihm sehr geschätzten René Engelmann (1880-1915; vgl. AK 24. Dezember 1921; auch AK 10. April 1926), dass die soziale und geographische Mobilität zur Entstehung einer neuen, von diesem Koiné genannte, luxemburgischen Umgangssprache geführt hat. Er bezieht sich jedoch nicht explizit auf dessen Schriften, und auch der Begriff Koiné taucht in den Kalenderblättern nur selten auf, z.B. wenn Weber bedauert, dass ein Stück von Ändre’ Duchscher (1840-1911) in einer Koiné-Übersetzung aufgeführt wird und dadurch die „Würze dieser bodenständigsten aller heimischen Mundarten“, in der es geschrieben wurde, verloren geht (AK 30. März 1932).

Die bei der Einführung des Luxemburgischen als Fach in der Primärschule definierte Welter-Engelmann-Rechtschreibung hatte Batty Weber von Anfang an unterstützt und so zu ihrem Erfolg beigetragen (vgl. Koenig 1928, 77). Jahre später schreibt er, dass Engelmann „der richtigen Lösung am nächsten“ gekommen sei, obwohl er selbst noch radikaler mit weniger Akzenten auskommen und näher am Deutschen bleiben will (AK 21. November 1936). Überhaupt fordert er, „daß [wir] unsere Wörter möglichst in Anlehnung an diejenigen deutschen oder französischen Wörter schreiben sollen, deren Äquivalent sie sind“ (AK 28. März 1936). Anders als Engelmann lehnt er die „französische“ Antiquaschrift ab und plädiert für die deutsche Kurrentschrift (AK 29. Dezember 1939). Wie Engelmann spricht sich Batty Weber gegen eine phonetische Schreibweise mit möglichst lautgetreuer Wiedergabe des Wortbildes aus, wie sie von vielen Mundartdichtern, z.B. Max Goergen (1893-1978; vgl. AK 7. Februar 1923) oder Isi Comes (1875-1960; vgl. AK 12. Dezember 1935), bevorzugt wird. Auch in anderen Sprachen, z.B. im Englischen, seien die „Abgründe zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort“ kein Hindernis (AK 9. Februar 1934).

Unter dem Druck des 1938 gegründeten Sprachvereins Hémechtssprôch und angesichts der sprachpatriotischen Begeisterung bei den Jahrhundertfeiern 1939 beruft der Erziehungsminister Nicolas Margue (1888-1976) am 30. Dezember 1939 eine Rechtschreibkommission ein (vgl. Péporté 2010, 286f.). Dies ist die Gelegenheit für Weber, noch einmal dafür zu plädieren, die Rechtschreibreform nicht politisch aufzuladen und eine pragmatisch anerkannte Zugehörigkeit „unserer moselfränkischen Mundart“ zum „deutschen Sprachgebiet“ zur Grundlage der Schreibweise zu machen (AK 29. Dezember 1939). Die neue offizielle Schreibweise dürfe die „malerischen Abweichungen“ der Lokalmundarten nicht berücksichtigen, um so die Standardisierung voranzutreiben: „Wenn wir noch keine endgültige Koinë haben, so muß eben eine geschaffen werden.“ (ebd.) Noch zweimal wird Weber in seinem letzten Lebensjahr auf die Vorschläge der vom Anhänger der phonetischen Rechtschreibung Jean Feltes (1885–1951) dominierten Kommission eingehen. Sie würde den „zwanzig bisher gebrauchten Schreibweisen zwei neue hinzufügen“ und damit den herrschenden „Wirrwarr“ nur noch vergrößern (AK 30. September 1940; AK 19. Juni 1940).

Batty Weber erlebte nicht mehr, wie unmittelbar nach der Befreiung per Ministerialerlass vom 5. Juni 1946 eine neue phonetische Rechtschreibung, die Ofizièl lezebuurjer ortografi, eingeführt wurde, die alle Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen negierte und die Gewohnheiten mehrerer, durch die Welter-Engelmann-Schreibung geprägter Schülergenerationen auf den Kopf stellte. In der Abgeordnetenkammer durfte fortan Luxemburgisch gesprochen werden, wovor Weber zeitlebens gewarnt hatte. 1948 wurde die deutsch-französische Zweisprachigkeit aus der Verfassung gestrichen und das Parlament aufgefordert, den offiziellen Sprachgebrauch per Gesetz zu regeln. Damit war die offizielle Äquidistanz zwischen den beiden Sprachen, die ihm so am Herzen gelegen hatte, endgültig ad acta gelegt und der erste Schritt auf einem langen Weg getan, der 36 Jahre später zur offiziellen Dreisprachigkeit führen sollte.


Die lokalen Dialekte als Negligé, die neue luxemburgische Umgangssprache als Alltagskleidung und daneben noch zwei Sonntagsanzüge im Schrank, so könnte man Batty Webers Beschreibung der sprachlichen Situation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammenfassen, mit der er in großen Zügen das vorwegnimmt, was in den ersten soziolinguistischen Arbeiten von Hoffmann (1987a, 103) als „Tetraglossie mit Tetralingualismus“ beschrieben wird. Und obwohl Weber zeitlebens dem völkerpsychologischen Zeitgeist verhaftet blieb, kann man in ihm einen Vorläufer der Soziolinguistik sehen, da er den Sprachgebrauch und die Herausbildung des Luxemburgischen als eigenständige Sprache im Konzert der Dreisprachigkeit aus den historischen, politischen und geographischen Gegebenheiten des jungen Kleinstaates zwischen zwei Großmächten zu erklären versucht. Darüber hinaus ist sein Abreißkalender ein Zeugnis für das Ringen der luxemburgischen Intellektuellen um die Deutung dieser Entwicklung und bietet mit seinen vielen subtilen Beobachtungen auch heute noch eine unerschöpfliche Quelle für die historische Soziolinguistik.

Literaturverzeichnis

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Batty Webers Kulturkampf gegen die katholische Kirche … und andere Heilsangebote

Sonja Kmec

Einleitung

Die Feuilletons des Abreißkalenders (AK) von Batty Weber, erschienen in der Luxemburger Zeitung, sind pointillistische Essays: Wie bei einem Gemälde erkennt man das Bild als Ganzes erst dann, wenn man einen Schritt zurücktritt. Das Bild, das der Autor von seiner Zeit zeichnet, die Schattierungen, Punkte und Pinselstriche, sind in der Auseinandersetzung mit Ereignissen, Empfindlichkeiten und Debatten entstanden, die das Luxemburger Bürgertum zwischen 1913 und 1940 bewegten, und knüpfen an breitere in Europa geführte Diskussionen an. Batty Webers Gedankengänge, angereichert mit aufgeschnappten Gesprächsfetzen und imaginierten Dialogen sowie Erinnerungen an konkrete Begebenheiten, Objekte und Räume, sind Montagen und liefern im Panoramablick Einsichten in vergangene Welten.

Weber schrieb für die radikal-liberale Luxemburger Zeitung und thematisierte auch in seinen Romanen den Konflikt zwischen „Klerikalismus und Liberalismus“ (J. Weber 2017, 297). Kulturkampf ist ein Begriff, der geprägt wurde, um den Streit zwischen Bismarck und der katholischen Kirche im neu gegründeten Deutschen Kaiserreich zu benennen. Batty Weber studierte in Berlin zu der Zeit. Er wohnte in einem ehemaligen Ursulinenkloster, aus dem die Nonnen „vertrieben“ worden waren (AK1 16. November 1922; vgl. AK 13. März 1929), und beschreibt „einen luxemburger Commilitonen, der dafür bekannt war, daß er für Pius IX. schwärmte“ und im Suff „seinen Zwicker mit dem begeisterten Ruf: Evviva Pio nono! auf dem Tisch zerschmetterte“ (AK 22. Februar 1929). In Luxemburg selbst war die Auseinandersetzung um Wertvorstellungen und Deutungshoheiten sowie damit verbundenen Ämtern, Posten und Pfründen weniger stark ausgeprägt als beispielsweise in der benachbarten preußischen Rheinprovinz (vgl. Becker 2001). Auch in Belgien bestimmte die sogenannte Versäulung oder pilarisation das gesamte Gesellschaftsleben (Presseorgane, Schulen, Freizeitverbände, Unterstützungsvereinigungen etc.); sie verband Gleichgesinnte und grenzte diese von den „anderen“ ab – zum Teil bis heute (vgl. Hellemans 2019). Weber sah gewisse Anzeichen für eine Versäulung in Luxemburg und kritisierte sie scharf:

„Und was gewisse blinde Eiferer davon bei uns nachahmen wollen, wird hoffentlich endgültig am Charakter unseres Volkes scheitern. Omnia instaurare in Christo, d.h. alles konfessionell aufziehen und durchdringen, das war vor Jahren das Ideal eines luxemburger Politikers und belgischen Jesuitenschülers, der sein Scheitern wohl in erster Linie seinem klerikalen Übereifer verdankte. Seine Nachahmer von heute täten wohl, etwas weniger römisch-jesuitisch und etwas mehr luxemburgisch zu denken“ (AK 10. Oktober 1936).

Es ist mir nicht nachvollziehbar, welcher Politiker damit gemeint ist. Für Luxemburg fehlt Grundlagenforschung zu diesem ideologischen Konflikt und zu seinen gesellschaftlichen Folgen (vgl. Pauly 2014; Blaschke 2014). Eine Studie, die sich mit einem Teilaspekt beschäftigt, nämlich dem Friedhofsstreit, nennt Weber und seine Frau Emma Brugmann als prominente Befürworter der Einäscherung und frühe Mitglieder des Feuerbestattungsvereins Flamma (gegr. 1910; vgl. Kolnberger 2017b, 221). Die Kremation wurde bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren von der katholischen Kirche abgelehnt und war in der Zwischenkriegszeit ein Politikum (vgl. Kolnberger 2017a), das Weber immer wieder gerne aufgriff:

„Wenn die katholische Kirche eine Gesetzgebung hat, so gilt sie eben für die Leute, die sich ihr gutwillig unterwerfen. Außer diesen gibt es andere, die diese Gesetzgebung weder kennen noch anerkennen. [...] Werden sie es drüben denn niemals lernen, sich um ihre Sachen zu kümmern und jeden nach seiner Façon selig werden zu lassen!“ (AK 12. Oktober 1928)

Auch wenn Webers Zielpublikum die liberal gesinnte Leserschaft der Luxemburger Zeitung war, wurde er doch viel breiter rezipiert und seine Feuilletons wurden, neben seinen Romanen und Theaterstücken, auch gesammelt in Buchform veröffentlicht. Er verdankte seinen Bekanntheitsgrad zudem, ironischerweise, der auflagenstärksten Tageszeitung, der Bistumszeitung Luxemburger Wort, die ihn aufgriff und angriff.

Die Analyse von Webers Auseinandersetzung mit Glaubens- und Kirchenfragen soll es erlauben, seine Positionen klarer zu umreißen und die gesellschaftlich und politisch relevanten Streitpunkte herauszuarbeiten. Als zentrale Motive schälen sich Zensur und Verbote heraus und, als Gegenentwurf, Individualismus und Selbstbestimmung. Letztere wurde auch im kollektiven Sinn als nationale Unabhängigkeit artikuliert. In der Auseinandersetzung um Religion ging es vor allem um Fragen von Moral und Sittlichkeit und deren Durchsetzung. Außerdem faszinierte Weber die Fähigkeit der Kirche, Menschen durch Riten und Feste zu mobilisieren.

Aufstellung des Korpus und quantitative Analyse

Den AK thematisch zu erfassen, erleichtert die von der Universität Luxemburg erstellte digitale Datenbank (vgl. Gilles und Millim 2017). Deren Suchfunktion ersetzt die Indexierung der Photokopien der ca. 7.000 AK-Texte, die im Centre national de littérature einsehbar ist, und erlaubt durch die Transkription der Frakturschrift eine raschere Durchsicht. Eine Reihe von tags erlauben es zudem, manche Themen gezielt anzugehen. So ergab „Sitten und Gebräuche“, der einzige hier relevante tag, 25 Treffer, von denen aber nur zwei in den Korpus aufgenommen wurden, da die anderen, auch wenn sie Ostern oder die Springprozession behandeln, eher Plaudereien sind und unsere Fragen nicht erhellen.

In einem nächsten Schritt wurden die in Tabelle 1 dargestellten Suchbegriffe abgefragt.

Suchbegriff (Stammwort)Anzahl der Abreißkalender
Gott1.305 (davon Gottheit: 50)
Glauben 886 (davon Glaubens: 49)
Kirche497
Christ336 (davon Christen: 94, Christentum: 27)
Fromm131
Jesu108
Katholi82 (davon Katholizismus: 13)
Pfaffe70
Religion77
Heiland50
Klerikal47 (davon Klerikalismus: 5)
Juden39 (davon Judentum: 2)
Papst27
Koppes221
Origer320
Protestant17 (davon Protestantismus: 1)
Toleran10
Kulturkampf4
Islam3
Nommesch43
Antisemit1
Atheist/Atheismus0
Total3.734

Tabelle 1: Erste Suchbegriffe und Ergebnisse der digitalen Datenbank (vgl. Gilles und Millim 2017)

Da Adjektive mit Umlauten, wie „religiös“ oder „jüdisch“, keine Treffer erhielten, ergab die Suche insgesamt 3.734 Treffer, allerdings waren manche Begriffe zu weit gefasst. Da Groß- und Kleinschreibung von der Suchfunktion nicht berücksichtigt werden, wurde das Verb „glauben“ mitgezählt; um es auszuschließen, wurde der Suchbegriff „Glaubens“ (mit Fugen-s) eingesetzt, dessen Ergebnisse auch erweiterte Wörter, wie Glaubenssatz oder Glaubensgenossen, umfassen. Ebenso enthielt „Gott“ (1.305 Treffer) unzählige Redewendungen (der liebe Herrgott, um Gottes Willen, Gott weiß, bei Gott, gottbegnadet, gottergeben etc.). Für die Durchsicht wurde sich auf Ergebnisse zu „Gottheit“ beschränkt. Auch andere Begriffe enthielten viele „Blindgänger“ (so verwies die Hälfte der „Pfaffe[n]“ auf das „Pfaffenthal“ und viele „Origer“ auf das Wort „voriger“). Nachdem die Suchbegriffe präziser gefasst und Überschneidungen identifiziert worden waren, wurden die Texte auf ihre Relevanz für unsere Fragestellung überprüft.

Eine gewisse Datensaturierung wurde damit erreicht, auch wenn immer wieder neue Begriffe und Zusammenhänge auffielen, so z.B. mit „Kommunis[mus]“ (fünf von 19 Treffer wurden noch in den Korpus integriert, inklusive dem „Kommmunistenheiland“), „Bolschewi[smus]“ (drei von 33) und „Marxis[mus]“ (zwei von sechs) sowie „Hitler“ (neun von 86), „Nationalsozialis[mus]“ (eins von zwölf) und „Fascis[mus]“ (sic; eins von neun). Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, Webers Einstellung zum Kommunismus/Bolschewismus sowie Faschismus/Nationalsozialismus systematischer zu untersuchen, aber Material gäbe es genug. „Atheismus“ hat interessanterweise gar kein Ergebnis vorzuweisen.

Abbildung 1: Behandlung der Thematik im Abreißkalender (pro Jahr; eigene Graphik)
Abbildung 1: Behandlung der Thematik im Abreißkalender (pro Jahr; eigene Graphik)

Insgesamt umfasst der Korpus 178 AK-Beiträge. Die graphische Abbildung (welche die unvollständigen Jahre 1913 und 1940 ausklammert) zeigt eine eher gleichmäßige Verteilung mit durchschnittlich 6,6 Beiträgen zu unserem Thema pro Jahr. Einen Ausreißer bildet das Jahr 1933 mit 18 Beiträgen, aufgrund der Auseinandersetzung mit Hitlers Machtergreifung – hier verschränkt mit dem Themenkomplex der Religion.

Dieser Korpus wurde einer qualitativen Textanalyse unterzogen. Trotz der Bequemlichkeit der Stichwortsuche werden die AK-Blätter damit dem Kontext ihrer Zeit entrissen. Viele Sinnzusammenhänge sind nur nachvollziehbar durch die Einbettung in die Luxemburger Zeitung und die Presselandschaft insgesamt. Bevor wir uns mit Webers religiöser Prägung und Einstellung beschäftigen, soll kurz umrissen werden, wie Religion und Kirche zueinander stehen und verstanden werden können.

Definitionsversuch

Eine – mitunter klassische – Definition von Religion stammt aus der Feder des französischen Soziologen Émile Durkheim, einem Zeitgenossen Webers:

„Une religion est [1] un système solidaire de croyances et de pratiques relatives à des choses sacrées, c’est-à-dire séparées, interdites, croyances et pratiques qui [2] unissent en une même communauté morale, appelée Eglise, tous ceux qui y adhèrent. Le second élément qui prend ainsi place dans notre définition n’est pas moins essentiel que le premier: car, en montrant que l’idée de religion est inséparable de l’idée d’Eglise, il fait pressentir que la religion doit être une chose éminemment collective.“ (Durkheim 2008, 65)

Genau diese Kirche, ohne die – laut Durkheim – Religion nicht denkbar ist, ist für Weber das Problem. Heute scheint diese Definition überholt; die britische Soziologin Grace Davie hat den berühmten Spruch „believing without belonging“ geprägt, um der Spiritualität jenseits von organisierten Kirchengemeinschaften Rechnung zu tragen (Davie 1994). Auch historisch gesehen gibt es sogenannte „chrétiens sans église“ (Kolakowski 1987). Die Säulenbildung, die oben angesprochen wurde, erscheint in der longue durée fast wie eine Ausnahmeerscheinung (vgl. Vanderstraeten 1999, 298). Aber zu Webers Zeiten war sie die Norm. Um 1900 war nicht nur der Nationalstaat an einem Höhepunkt angelangt, sondern auch die kirchliche Organisation, so Hartmann Tyrell. Letzterer betont ihre Bürokratisierung und ihren stabilen, kontrollierenden Zugriff auf breite Teile der Bevölkerung, insbesondere in katholisch geprägten Gegenden (vgl. Tyrell 2011, 45). Der deutsche Soziologe Max Weber, vier Jahre jünger als sein Namensvetter Batty und auch mit einer Frauenrechtlerin verheiratet, beschrieb indes Kirche als „hierokratischen Verband“, eine soziale Herrschaftsform strukturiert in Obrigkeit, Verwaltungsstab und Beherrschte, die er in seinen Soziologischen Grundbegriffen (Art. 17) dem „politischen Verband“ des Staates gegenüberstellt (Weber 1980, 28-29). Im Gegensatz zum staatlichen Machtmonopol gäbe es immer konfessionelle Konkurrenzsituationen (vgl. Tyrell 2011, 46). In Luxemburg umfasste die katholische Kirche vor dem Zweiten Weltkrieg allerdings 95 Prozent der Bevölkerung,5 so Batty Weber, der jedoch betont, dass dies der ihr nahestehenden Rechtspartei keine politische Vormachtstellung bescherte: Im Parlament hatte diese auch nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts keine absolute Mehrheit (vgl. AK 1. April 1936).

Was waren die zentralen Streitpunkte, die der liberale Redakteur mit den „Klerikalen“ austrug? Richtete sich seine Kritik gegen die Einmischung der Kirche in die Politik oder auch gegen ihre theologischen Fundamente und moralischen Wertvorstellungen?

Batty Webers religiöse Einstellung

Ob Batty Weber offiziell aus der katholischen Kirche ausgetreten war, entzieht sich unserer Kenntnis. Gegen Ende seines Lebens distanziert er sich jedenfalls klar von dem „hierokratischen Verband“. Nach der Papstwahl Pius’ XII. schreibt er: „Habemus papam! Wir haben einen Papst! Trotzdem es vielfach richtiger geheißen hätte: Habent papam! Sie haben einen Papst! Die nämlich, die ihn als Oberhaupt über sich anerkennen“ (AK 4. März 1939). Zehn Jahre vorher beschreibt Weber, wie er als Tourist in Rom im Jahr 1911 unbedingt den Papst (Pius X.) sehen wollte. Ein früherer Mitschüler, der im Vatikan gut vernetzt war, wies ihn ab mit den Worten: „Ich weiß über dich Bescheid. Du hast den Glauben verloren. Du schreibst in eine[r] schlechte[n] Zeitung. Du bist nicht würdig, vor den Heiligen Vater zu treten. Du würdest am Ende Lästerliches über ihn schreiben. Gib dir keine Mühe, du wirst ihn nicht sehen.“ (AK 22. Februar 1929)

Warum Weber den Papst sehen wollte, bleibt unklar. Als er aber aus dem Fenster des Vatikanmuseums einen Blick auf ihn im Garten erhascht, ist er begeistert: „Ein Gottloser hat manchmal mehr Glück, als er verdient“ (ebd.). Später erklärt er, er sei umso erfreuter gewesen, als „ich meinem alten Freund Abbé Jacquemin damit ein Schnippchen schlug, weil er mir sozusagen verboten hatte, den Papst zu sehen“ (AK 6. April 1938). Jacquemin war vermutlich der alte Schulfreund, der ihm keine Audienz vermitteln wollte. Dessen Vorwurf: „Du hast den Glauben verloren“, wird mit der reuelosen Selbstbeschreibung „ein Gottloser“ bestätigt. Der ungebührliche Blick auf den „heiligen Vater“ hinter einer Gartenmauer, durch ein Museumsfenster, verdeutlicht im Übrigen Webers Beobachterposition. In einem weiteren AK-Blatt betont er seine „konfessionelle Unbefangenheit“:

„Das Kruzifix, um das sie sich in der Kammer dieser Tage so verbissen gestritten haben, gewinnt an Bedeutung, wenn man ihm konfessionell unbefangen gegenüber steht. Eine solche Verehrung ist frei von Zwangseindrücken, die oft auf die frühesten Kinderjahre zurückreichen und nicht immer mit erfreulichen Erinnerungen Hand in Hand gehen.“ (AK 9. April 1927)

Im gleichen Feuilleton beschreibt er „Jesus de[n] Gesalbte]n“, der „in seiner Todesangst dunkel ahnen [mochte], daß sein Erlösertod die Welt nicht so gründlich erlösen würde, wie er sie hatte erlösen wollen“, als sympathische, wenn auch etwas naive Symbolfigur: „[E]r bleibt für Gläubige und Ungläubige der Erlösertyp, der dafür stirbt, daß er die andern glücklich machen will.“ (ebd.) Und sein Kreuz,

„das Symbol […] der Welt, in der nicht die starre Losung: Aug um Aug, Zahn um Zahn! gelten soll, sondern letzten Endes das Kreuzeswort: Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. – Davon ist schließlich abgeleitet, was heute am sogenannten sozialen Empfinden das Beste und Wirksamste ist.“ (ebd.)

Wohl weil er als „Gottloser“ bekannt war, betont Weber immer wieder, dass er christliche Werte als solche nicht ablehnt: „Daß jemand das Bedürfnis empfindet, sein Verhalten zur Welt religiös beeinflussen zu lassen, an einen Gott, ein Jenseits zu glauben, das steht in keinerlei Widerspruch zu den Grundsätzen des Liberalismus. Er lehnt nur Zwang und Intoleranz ab.“ (AK 23. Mai 1936; vgl. auch seine Beiträge über den katholischen Schriftsteller Jakob Kneip, den er hochachtete: AK 28. Dezember 1932; 4. Januar 1936).

Den Unterschied zwischen persönlicher Frömmigkeit und kirchlicher Mitgliedschaft führt Weber angesichts der mörderischen Schlacht um Verdun (Februar bis Dezember 1916) aus:

„[D]ie Menschheit fragt sich […], was die Leidensgeschichte ihres Herrn und Heilands denn bedeutet gegen die Geschichte ihrer eigenen Qual und der Qual so vieler Hunderttausenden, über die der Krieg dahingeht.

Ich hörte kürzlich von einem Artillerie-Offizier, der aus der Hölle von Verdun kam, daß viele da draußen wieder fromm werden. Fromm in dem Sinn, daß sie sich im Glauben an ein Wesen über ihnen sammeln und im Verkehr mit ihm den Trost suchen, den sie bei ihresgleichen nicht mehr suchen wollen. Den Weg in den sogenannten Schoß der Kirche, in den Pferch ihrer Konfession finden sie nicht wieder.“ (AK 22. April 1916)

Während „Schoß der Kirche“ etwas Mütterlich-Geborgenes vermittelt, steht der „Pferch“ für den Schutz von Schafen und anderen Weidetieren – eine Anspielung vielleicht auf die biblische Metapher des guten Hirten und seine „Schäfchen“.

Glaubenskrisen und die Ausprägung eines „reaktionären Antiklerikalismus“

In einem autobiographisch anmutenden AK-Blatt schreibt Weber über den Tag, an dem er anfing, sich mit seinem „anerzogenen Glauben“ auseinanderzusetzen (AK 24. April 1918). An seinem Erstkommunionstag (also ca. 1869) hätte die Aufforderung, „sich selbst zum Tempel der Gottheit zu machen“, ihn seiner moralischen Verantwortung bewusst werden lassen (ebd.). Gleichzeitig aber hätten ihn „hartnäckig[e], quälend[e] Gedanken an die physiologischen Vorgänge, in die die Gottheit da hineingezogen würde“, geplagt – die bildliche Aussagekraft der Sprache habe also quasi die spirituelle Dimension der Erstkommunion untergraben.

Laut Cornel Meder bildet der Wunsch des Vaters von Batty Weber, dass sein Sohn die Priesterlaufbahn einschlagen solle, den biographischen Hintergrund des Romans Fenn Kaß, der 1912 bis 1913 in der Kölnischen Zeitung erschienen ist (zitiert nach Marson 2002, 62). Im AK finden sich ebenfalls Aussagen über Franz Gaspar, der als Vorlage für die Romanfigur Fenn Kaß gilt (vgl. Weber 2001, 356-358). Gaspar sei der „beliebteste Pastor [gewesen], den es je im Land gegeben hat“, und dessen Suspendierung habe ihn und das gesamte Dorf sehr erschüttert (AK 14. November 1915). Romain Hilgert zufolge, war Gaspars Werk Der Vernunftstaat nach seinen Rechten und Pflichten (1883) das einzige Buch eines Luxemburgers, das je auf dem kirchlichen Index der verbotenen Bücher stand (vgl. Hilgert 2002).

Bücherverbote und Zensur waren für Weber ein rotes Tuch. Eine Gegenfigur zum verehrten Franz Gaspar bildet Religionslehrer Wies aus dem Athénée, dem hauptstädtischen Gymnasium. Er exemplifiziert Intoleranz und Ignoranz: „Unser alter Religionslehrer fand, daß der ganze Goethe mit wenigen Ausnahmen Schund sei. ‚Goethe das Schwein!‘ pflegte er in seiner derben Art zu sagen. Beim Namen Heine aber schwoll ihm die Zornesader und er spuckte aus“ (AK 5. Mai 1922). „Goethe das Schwein“ wird für Weber zum geflügelten Wort (vgl. AK 1. März 1928). Er bringt es auch an in seiner Kritik an Origers Gesetzesentwurf zum Jugendschutz, das einen „Laienindex“ einführen würde.6 Der Feuilletonist macht sich ein Vergnügen daraus, die verbotenen Schriften aufzulisten, denn „nichts ist heikler als Grenzen zwischen Schweinerei und Kunst“ (AK 2. Dezember 1937). Die Frage: „Was ist Schund?“, hatte Weber 1922 mit „Geschmackssache“ beantwortet (AK 5. Mai 1922). Er begehrt gegen unterschiedliche Fälle von Zensur auf, ob sie von „französischen Bischöfen“ ausgehen, wie das Tangoverbot (AK 10. Januar 1914) oder das „Anathema“ (Kirchenverbot) gegen das Dekolleté (AK 27. Juli 1924), oder von der Luxemburger Staatsanwaltschaft, wie die Ausweisung einer Theatergruppe nach der Erstaufführung ihres Stücks (vgl. AK 12. Dezember 1924). Letzteres kommentiert Weber mit: „Überlassen wir doch ruhig dem Publikum die Zensur, die unseres Kulturgewissens würdig ist. Es lehnt auf die Dauer schon von selbst ab, was sein gesundes Sittlichkeitsempfinden verletzt“ (ebd.).

Was Weber allgemein anprangert, ist die Einmischung der Kirche in die individuelle Lebensführung und das Erziehungswesen – was die Kirche ihrerseits als ihr ureigenstes Anliegen verstand. Das Schulgesetz von 1912, gegen das Bischof Koppes erfolglos Sturm lief (vgl. AK 1. Februar 1914), war für die Liberalen hingegen ein Meilenstein (vgl. Trausch 2008, 134-136; Hellinghausen 2019). Im Kontext dieses ‚Kulturkampfes‘ erließ der Bischof ein Interdikt gegen die Presseorgane seiner politischen Gegner, so auch gegen die Luxemburger Zeitung, deren Chefredakteur Batty Weber war. Das bedeutete große finanzielle Einbußen, die zur Übernahme der Zeitung durch den Luxemburger Stahlkonzern ARBED und Webers Rücktritt als Chefredakteur im Jahr 1922 führten (vgl. Wehenkel 2017, 66). Weber adressierte Koppes’ Nachfolger, Bischof Nommesch (ohne ihn beim Namen zu nennen), am 1. Mai 1921 – dem Tag, an dem ein angesehener ausländischer Gast, der belgische Kardinal Mercier, das Pontifikalamt in der Kathedrale anlässlich der Muttergottesoktave feierte – wie folgt:

„Pfeifen Sie also die Meute zurück, hochwürdigster Herr.

[…] Er [Kardinal Mercier; Anm. d. Verf.] hat kürzlich in einem Zirkular an die Geistlichkeit [gesagt], es liege ihm sehr am Herzen, der Jugend den Unterricht zu verschaffen, den sie braucht, aber er dürfe nicht zulassen, daß sich die Politik in das Gebiet der Kirche hineindränge. Er ist also wahrscheinlich auch dafür, daß sich die Kirche nicht in die Politik hineindrängt.“ (AK 1. Mai 1921)

Weber versuchte also namhafte Würdenträger und auch „einzelne vernünftigere Elemente der klerikalen Partei“ gegen die „Radaubrüde[r] ihres Leib-Organs“ (also des Luxemburger Worts) ins Spiel zu bringen – vergeblich (ebd.). Ein paar Wochen später führt Weber aus, die Machtausübung der Kirche sei psychologischer Natur: „Die Kirche, die immer stark in Psychologie war, hat in richtiger Erkenntnis der Menschennatur mehr Gewicht auf die Hölle gelegt, als auf den Himmel, mehr mit Strafe als mit Belohnung operiert. Über die Hölle braucht keiner lange nachzudenken. Es genügt, daß er weiß, er wird darin ewig brennen.“ (AK 23. Juni 1921)

Abbildung 2: Karikatur von Albert Simon, Tageblatt, 6. Oktober 1936 (Quelle: Lesch 2013, 44)
Abbildung 2: Karikatur von Albert Simon, Tageblatt, 6. Oktober 1936 (Quelle: Lesch 2013, 44)

Weber rät den Abonnenten der Luxemburger Zeitung, die mit Exkommunikation bedroht werden, sich „mit Wurstigkeit zu panzern“, denn der Liebe Herrgott würde die Zeitung sicher auch lesen (AK 9. April 1920). Sicher ist, dass die Redakteure des Luxemburger Worts die Zeitung lasen und sich beklagten, Weber sei selbstherrlich, gehässig und antiklerikal (vgl. z.B. o.A. 1934; 1936). Weber nimmt die Kritik des „reaktionäre[n] Antiklerikalismus“ mit Genugtuung auf und erklärt seinem fiktiven Gesprächspartner Herrn Grimmberger, das würde zutreffen, er „[reagiere] gegen den Klerikalismus“ (AK 10. März 1939). Auf die Rückfrage: „Und was ist Klerikalismus?“, antwortet Weber:

„Klerikalismus ist die Ausbeutung des Glücksbedürfnisses der Menschheit und ihres Glaubens an einen Gott, für dessen Existenz es keinen Beweis gibt, Ausbeutung zum Zweck der Aneignung der Herrschaft über das Weltliche, das mit Religion nichts zu tun hat, und für das der Klerikalismus die Verantwortung im Namen der Religion ablehnt, wenn sie ihm über den Kopf zu wachsen droht.“ (ebd.)

Individualismus und nationale Selbstbestimmung als säkulares Credo

Der ideologische Prüfstein Batty Webers war der Individualismus, verstanden als selbstbestimmte Suche nach seinem Lebensglück und die damit einhergehende persönliche Verantwortung für sein Tun. Er erklärt seine Opposition zur Kirche als Institution, aber auch seine Angst vor dem Kommunismus und dem Faschismus. Nach jahrzehntelangen Horrormeldungen über die Untaten der Bolschewisten sieht er 1931 in Stalin einen Hoffnungsträger, da dieser den Einheitslohn abschaffen wolle – was „eine Konzession an den Individualismus“ darstelle und somit „im Prinzip dem Individuum den Weg frei [gäbe] zu einer Entfaltung, wie sie doch nur im Räderwerk der kapitalistischen Wirtschaft zu Ende gedacht werden kann“ – eine Entwicklung, die allerdings, „wie jede Botschaft aus Rußland, […] mit Vorsicht und ohne übertriebenen Optimismus“ aufgenommen werden müsse (AK 14. Juli 1931). Angesicht der durch Zwangskollektivierung und Getreideverkauf gegen Devisen bedingten Hungersnot in der Sowjetunion (vor allem, aber nicht nur in der Ukraine) und des Spanischen Bürgerkriegs sieht Weber im Kommunismus „eine Weltreligion, vor der sich die Welt hüten und gegen die sie mit allen Mitteln ankämpfen soll“ (AK 14. Mai 1937). Er schwört seine Leserschaft auf ein Verbot der kommunistischen Partei in Luxemburg ein, für das sie im Referendum im Juni 1937 stimmen solle (vgl. AK 25. Mai 1937). Dies erstaunt, da Weber gegen alle Verbote gewettert hatte. Warum spricht er sich für das sogenannte Maulkorbgesetz aus? Die Frage stellten ihm wohl auch seine sozialistischen und jungliberalen Freunde, die dagegen Kampagne führten (vgl. Fayot 1979, 419-431). Batty Weber sieht sich jedenfalls veranlasst, seiner Leserschaft den Unterschied zu erklären zwischen beispielsweise dem „Gesetz gegen die obszöne Literatur“,7 welches „einen Eingriff in die individuelle Freiheit des Bürgers bedeutet“, und dem

„antikommunistische[n] Gesetzprojekt, [das] schließlich zum Zweck [hatte], unser Land und seine Politik vor fremder Einmischung zu schützen. Darum sind wir im Namen unserer nationalen Freiheit dafür eingetreten. Weil wir gegen die Einmischung von Moskau aus genau so Front machen, wie gegen die Einmischung von Rom aus“ (AK 7. März 1939).

Weber sieht die Zweckallianz der Liberalen mit der Rechtspartei, die nach dem gescheiterten Referendum in eine Regierungskrise überging (vgl. Bové 2008, 233-238), nicht als Zugeständnis an „die Klerikalen“, sondern – im Gegenteil – in Kontinuität zur liberalen (nationalen) Selbstbestimmung (so auch AK 25. Mai 1937). Wie Renée Wagener richtig beobachtet hat, schöpft Weber ab Mitte der 1930er Jahre „aus dem völkischen Repertoire“ (Wagener 2022, 353). Das bedeutet aber nicht, dass er den Nationalsozialismus gutheißen würde. Im Jahr der Machtergreifung der NSDAP vergleicht Weber die Inszenierungskraft der Kirche und des deutschen „Einheitsstaates“, die sich beide das „Instrument der Straße“ mit Prozessionen bzw. Aufmärschen hervorragend zu Nutze machen würden (AK 17. Juni 1933). Er bedauert, dass der Luxemburger Staat dieses Pathos nicht aufzubringen vermöge und die feierliche Eröffnung des Parlaments abgeschafft wurde (vgl. AK 17. Juni 1933; 13. Oktober 1933). Der Feuilletonist beklagt also die mangelnde „Zivilreligion“ Luxemburgs – ein Begriff, der auf Jean-Jacques Rousseau zurückgeht und in den 1960er Jahren von dem Soziologen Robert N. Bellah weiterentwickelt wurde, um die religiös aufgeladene, ritualisierte Zelebrierung des US-amerikanischen Patriotismus zu beschreiben (vgl. Bellah 1967; Haydt 2000). Der neuen „Nationalreligion“ der Deutschen steht Weber allerdings sehr skeptisch gegenüber (AK 28. Juli 1933). Der Krieg sei ihre „Erlösungsapotheose“, der Führer ihr „Heiland“ (ebd.).

Nach einer Parlamentsdebatte über das Verhältnis Luxemburgs zum „Dritten Reich“ fragt Weber sich, ob „Fascismus [sic] à la Hitler“ in Luxemburg Fuß fassen könnte, denn „es geht uns an die Nieren, wenn von draußen die Hitlerwelle hereinschlägt“ (AK 1. Juni 1933). Neben dem verlorenen Krieg und der revanchistischen Rhetorik macht er die „Rassenfrage“ verantwortlich für das Aufgehen der „Hitler-Saat“: „[D]er dritte Trumpf in Hitlers Spiel um die Macht, die Rassenfrage, war bei uns noch nicht aktuell, weil es die alten luxemburger Judenfamilien verstanden hatten, im Volk aufzugehen“ (ebd.). Die Frage nach Webers Einstellung zu Juden (und besonders zu den Flüchtenden, die nach 1933 aus Deutschland kamen), zu Antisemitismus und Rassismus hätte einen eigenen Beitrag verdient. Er selbst benutzt unbedacht antisemitische Redewendungen wie „Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden“ (AK 6. November 1925; 2. Dezember 1927), verurteilt aber gleichzeitig den „Rassenhaß“ in Europa und Amerika, „eine der Hauptbeschäftigungen der innerlich Beschäftigungslosen“ (AK 7. Februar 1925). Der deutschen Propaganda, welche die Judenverfolgungen Anfang 1933 bestreitet, stellt er nach (vgl. AK 29. März 1933), und besonders betroffen macht ihn das Hissen der Hakenkreuzfahne – ein Symbol für die „Beschimpfung und Bedrohung des Judentums“ – in Paris anlässlich des französischen Nationalfeiertags im gleichen Jahr (AK 28. Juli 1933).

Im Vergleich zur Gefahr des Kommunismus scheint der Faschismus dann doch eine untergeordnete Rolle zu spielen. So scheinen Weber die Aktivitäten der Auslandsorganisation der NSDAP, die „das Gefühl der Zugehörigkeit aller Deutschen zum gemeinsamen Vaterland um jeden Preis stärken und selbst unter Zwang stellen [will]“, weniger unheilvoll für Luxemburg als die Kommunistische Internationale, die „als Endziel das Aufgehen in einem internationalen Kuddelmuddel“ hat (AK 13. Februar 1937). Er schlussfolgert aber, man müsse sich gegen beide „mit allen Mitteln und mit unerbittlichem Trotz zur Wehr setzen“ (ebd.). Die einzige Lösung sei „eine Stärkung unseres völkischen Selbstbewußtseins“ dadurch, „daß wir vorläufig wieder einmal eine Zeitlang ein wenig geistige Autarkie treiben und nicht immer an das Ausland appellieren“ (ebd.). Diese rhetorisch überspitzte, aber wohl nicht ironisch gemeinte Formulierung zeigt auf eine komplette Kehrtwende zu seinen bekannten Ausführungen von 1909 über die Luxemburger „Mischkultur“, die deutsche und französische kulturelle Praktiken aufnimmt und sich zu eigen macht (Kmec 2014; Lieb 2020, 37, 61). Nach dem deutschen Einmarsch lehnte Batty Weber es ab, das „Heim ins Reich“-Manifest zu unterschreiben (vgl. J. Weber 2020, 349). Er konnte 1940 noch ein Buch veröffentlichen, aber vier seiner AK fielen der Zensur zum Opfer – so auch der AK zur Mischkultur vom 27. Mai 1940 (siehe ebd., 351). In den Jahren zuvor zeigte Weber wenig Sympathien für den Nationalsozialismus, befand den „destruktiven Internationalismus“ in Form des Kommunismus jedoch als dringendere Gefahr, im Verweis auf das „grauenhafte Beispiel“ des spanischen Bürgerkriegs (AK 13. Februar 1937). Der Antikommunismus schien zeitweilig den Antiklerikalismus als politisches Leitmotiv aufzuheben.

Fazit

Batty Weber war über Jahrzehnte ein scharfzüngiger – und oft scharfsinniger – Beobachter der Luxemburger Politik und Gesellschaft. Er war ein Zeitgenosse von Pionieren der Soziologie wie Émile Durkheim, Max Weber oder auch Georg Simmel, aber selbst kein Soziologe. Er versuchte die Gesellschaft über andere Wege und Medien zu beeinflussen und seine Leserschaft zum Nachdenken und auch zum Schmunzeln zu bringen. Mit der katholischen Kirche, insbesondere mit Bischof Koppes und den „Koppesjüngern“ (AK 9. April 1920) in der Abgeordnetenkammer, sowie den „klerikalen Blätter[n]“, womit vornehmlich das Luxemburger Wort gemeint war, legte Weber sich im AK gerne an. Er schätzte aber durchaus individuelle Geistliche wie Pfarrer Gaspar oder Kardinal Mercier und betonte vielfach, dass er Christus als Symbolfigur und christliche Werte als solche nicht ablehnte. Seine Rhetorik war sehr stark von religiösen und biblischen Metaphern geprägt, wohl ein Zeugnis seiner eigenen Erziehung. Was ihm aber sauer aufstieß, waren Moralismus und Zensur, die er als Eingriffe in die Grundlage des Liberalismus, die individuelle Freiheit, wertete. Zunehmend wurde auch die nationale Selbstbestimmung zu einem Leitwert. Hier fand er in den „Klerikalen“ neue Weggefährten, die 1937 ebenfalls das Verbot der kommunistischen Partei unterstützten – allerdings blieb das eine kurze Zweckallianz, denn 1939 fand er sich erneut in Wortgefechten mit dem Luxemburger Wort. Den deutschen Faschismus entlarvte er als quasireligiöses Heilsangebot, dessen Ausgreifen nach Luxemburg er jedoch nicht kommen sah.

Literaturverzeichnis

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  29. Tyrell, Hartmann. „Religion und Politik – Max Weber und Émile Durkheim“. Religionen verstehen. Zur Aktualität von Max Webers Religionssoziologie, herausgegeben von Agathe Bienfait. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S. 41-91.
  30. Vanderstraeten, Raf. „Versäulung und funktionale Differenzierung. Zur Enttraditionalisierung der Katholischen Lebensformen“. Soziale Welt 50 (3), 1999, S. 297-313.
  31. Wagener, Renée. Emanzipation und Antisemitismus. Die jüdische Minderheit in Luxemburg vom 19. bis zum beginnenden 21. Jahrhundert. Metropol, 2022.
  32. Weber, Josiane. „Der biographische Kontext“. Batty Weber. Fenn Kaß. Der Roman eines Erlösten. Studienausgabe, vorgestellt und kommentiert von Josiane Weber. Centre national de littérature, 2001, S. 348-362.
  33. Weber, Josiane. „Luxemburger Land und Gesellschaft in Batty Webers Romanen“. Batty Weber: Werk und Wirkung, herausgegeben von Anne-Marie Millim. Centre national de littérature, 2017, S. 278-327.
  34. Weber, Josiane. „Luxemburger Autoren während der NS-Besatzungszeit – zwischen Widerstand, Anpassung und Kollaboration“. Luxemburg und der Zweite Weltkrieg. Literarisch-intellektuelles Leben zwischen Machtergreifung und Epuration [Ausst.-Kat.], herausgegeben vom Centre national de littérature. Centre national de littérature, 2020, S. 334-422.
  35. Weber, Max. Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie [1921-1922], herausgegeben von Johannes Winckelmann, Studienausgabe (5., revidierte Aufl.). J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1980.
  36. Wehenkel, Henri. „Jean-Pierre Robert – L’homme du juste milieu“. Henri Wehenkel. Entre chien et loup. Éditions d’Lëtzebuerger Land, 2017, S. 63-73.

La nature et sa protection au prisme de l’Abreißkalender ou Batty Weber en « Ökobatty »

Myriam Sunnen

Le néologisme « Ökobatty » ne pouvait faire défaut dans cette version française d’une communication présentée en langue luxembourgeoise par Sébastian Thiltges et moi-même,1 bien qu’il s’avère sans doute impropre à circonscrire notre sujet. En dépit de l’homophonie Batty-Batti, la silhouette élégante de Batty Weber n’a rien d’un « Batti »2 [Fig. 1] et la retenue que, post mortem, on a reprochée au chroniqueur (Hoenen-Gaasch 1977, 197) est difficilement compatible avec l’expression familière « sech de Batti stellen »,3 que ses contemporains n’auraient pas osé associer à cette figure de proue des lettres luxembourgeoises (voir Gilbertz 2017, 28s.). Tout au plus pourrait-on lire « Ökobatty » à la manière de « Tutebatti », terme désignant à l’origine un « frimeur » mais qui, de nos jours, semble aussi être revendiqué au sens propre et sans connotation négative par ceux qui s’adonnent avec passion à l’activité décrite par le verbe « tuten » : les musiciens jouant d’un instrument à vent.4

Fig. 1: Batty Weber. Photo : Charles Brandebourg, fils. Fonds Batty Weber du CNL, L-48 ; III.3.2.1-1.
Fig. 1: Batty Weber. Photo : Charles Brandebourg, fils. Fonds Batty Weber du CNL, L-48 ; III.3.2.1-1.

Appliqué à Batty Weber, le terme « Ökobatty » n’en est pas moins anachronique, et il reste à démontrer dans quelle mesure l’auteur de l’Abreißkalender peut vraiment être qualifié d’« écolo », d’autant que lui-même n’aurait ni employé ni entendu le préfixe « öko » au sens qu’on lui attribue aujourd’hui. Le substantif « Ökologie » a été créé en 1866 par le biologiste allemand Ernst Haeckel pour désigner la « science des relations de l’organisme avec le monde extérieur environnant. » (Haeckel 1870, 645 ; cité dans la traduction de Zemanek 2019, 345) Réservé d’abord aux biologistes, son équivalent français « écologie » est entré dans le Dictionnaire encyclopédique Quillet en 1938 (Jeannerod 2022, note 26) et dans le Nouveau Petit Larousse illustré en 1956, toujours au sens que le terme a dans le vocabulaire spécialisé des scientifiques (Drouin 1991, 21). C’est seulement à partir de la deuxième moitié du vingtième siècle que « Ökologie » et « écologie » commencent à désigner la lutte contre les destructions infligées à la nature, un sens qui se généralise dans les années 1970-1980, au moment où la menace pesant sur les écosystèmes est comprise dans sa dimension planétaire, où naît l’écologie politique et où, en français, le mot « écologisme » permet désormais de distinguer l’activité des scientifiques de celle des défenseurs de l’environnement, appelés écologistes (Drouin 1991, 22 ; Solte-Gresser et Thiltges 2022, 47 ; Jeannerod 2022, 257). Si la diffusion de ces termes au Luxembourg reste à retracer, une recherche succincte sur la plateforme eLuxemburgensia suggère que leurs premières occurrences au sens scientifique datent de l’extrême fin du dix-neuvième siècle. Apparaissant d’abord de manière exclusive dans des publicités pour des études scientifiques parues à l’étranger, ils sont employés par les naturalistes luxembourgeois à partir de la deuxième décennie du vingtième siècle.5 Le sens actuel est attesté dans la presse dès la fin des années 1950.6

Au vu de ce qui précède, il n’est guère étonnant que les mots « Ökologie » et « ökologisch » fassent défaut dans l’Abreißkalender de Batty Weber (1913-1940), aussi bien au sens originel qu’actuel. Si c’est également en vain que l’on y cherche « Umwelt » (« environnement ») et « Umweltschutz » (« protection de l’environnement ») au sens que le discours écologiste attribue à ces termes, on y trouve en revanche « Tierschutz », « Vogelschutz » et même « Naturschutz ». Apparaissant dans une chronique qui s’adresse à un public très large, ces termes viennent nous rappeler l’existence, au cours de cette période, d’idées et de mouvements que l’on peut qualifier de pré- ou de proto-écologiques et qui, d’après Joachim Radkau, doivent être pris en considération par quiconque s’intéresse à l’histoire de l’écologie au sens actuel du terme. Ni « Umweltschutz », que Radkau qualifie de « mot caméléon » (« Chamäleon », Radkau 2011, 14) ni les termes « Ökologie/ökologisch » ne permettent en effet à eux seuls de s’orienter dans la « jungle » des mouvements écologiques et d’en retracer les origines lointaines.7 L’admiration des romantiques pour la nature pourrait ainsi avoir joué un rôle non négligeable dans la conscience écologique telle qu’elle s’est progressivement développée en Occident (ibid., 38s.), du moins si l’on accepte que la « nature » dont parlaient les romantiques coïncide ne serait-ce que partiellement avec ce que nous entendons aujourd’hui par ce terme, dont le sens varie lui aussi considérablement d’un auteur et d’une époque à l’autre, sans que, pour autant, il s’agisse d’une pure construction culturelle (ibid., 17). De même, les historiens s’accordent sur le fait que la patrimonialisation de certains espaces naturels au cours du dix-neuvième siècle relève d’une sensibilité proto-écologique et que le mouvement pour la protection de la nature tel qu’il a émergé en Allemagne au tournant du dix-neuvième et du vingtième siècle, entre autres sous l’influence de la Lebensreformbewegung et du Heimatschutz (Choné 2019, 325), doit être étudié dans le cadre d’une histoire de l’écologie, même si les arguments des premiers Naturschützer diffèrent considérablement de ceux avancés par les acteurs de l’écologie politique.

Dans la mesure où il reflète l’opinion publique luxembourgeoise tout en ayant contribué à la former,8 à une époque mouvementée qui a vu entrer en vigueur les premières mesures régulatrices dans le domaine de la protection de l’environnement, l’Abreißkalender de Batty Weber constitue un objet d’études privilégié pour qui s’intéresse à l’histoire de l’écologie au Luxembourg ainsi qu’aux soubassements épistémologiques, idéologiques et esthétiques de la représentation de la nature. D’un point de vue théorique, la lecture que nous en proposerons s’inscrit dans le cadre de l’écocritique que Sébastian Thiltges a le mérite d’avoir introduite au Luxembourg (voir notamment Thiltges et Solte-Gresser 2020; Thiltges 2016 ; 2022) et que nous entendons au sens très général d’« étude du rapport entre la littérature et l’environnement naturel » (Glotfelty et Fromm 1996, XVIII, cité d’après et dans la traduction de Blanc et al., 2008, 18). En dépit des différences entre l’ecocriticism américain, l’Ökokritik allemande et les différentes branches de l’écocritique française,9 les études s’inscrivant dans ce cadre théorique sont généralement écocentrées plutôt qu’anthropocentrées et visent une déconstruction du dualisme nature/culture, dont l’établissement progressif a souvent été considéré comme le point de départ du mouvement de destruction de la nature (Thiltges 2018, 26, qui renvoie notamment à Latour 2005 et Zemanek 2013, 293). À travers l’analyse ciblée des développements que Batty Weber a consacrés à certains types d’atteintes à la nature et aux mesures visant à les endiguer, il s’agira d’abord de compléter les travaux portant sur la représentation de la nature et des paysages dans son œuvre. Considérées à la lumière du cadre théorique que nous nous sommes fixé, ces recherches existantes nous conduisent toutefois à un premier constat : le dualisme culture/nature que l’écocritique se propose de déconstruire n’existe guère dans les textes de Batty Weber. D’une part le journaliste et écrivain investit souvent les espaces naturels d’un symbolisme identitaire qui fait de la nature une partie intégrante de la culture  (cf. Lieb 2017 ; voir aussi Werdel 2023/24, en particulier 46-59), d’autre part, marqué par le déterminisme et le socio-darwinisme, il considère la culture comme un produit issu du milieu naturel dans lequel elle a éclos.10 L’écocritique n’en constitue pas moins un cadre intéressant pour lire les développements que Batty Weber a consacrés à la nature, à condition que les passages en question ne soient pas décontextualisés. La lecture inspirée du New Materialism que Sébastian Thiltges a proposée de certains paragraphes du roman déterministe Fenn Kaß de Batty Weber les émancipe ainsi du moins partiellement de leur carcan épistémologique tout en les faisant entrer en résonance avec une autre manière de considérer le rapport entre l’homme et la nature (Thiltges 2019 ; 2020, en particulier 229s.). Dans le même esprit, nous situerons le discours sur la nature tel qu’il transparaît dans l’Abreißkalender dans le contexte idéologique et esthétique qui l’a vu naître, tout en restant attentifs à ce qui le dépasse. Contribuant à l’histoire de la conscience écologique et de la représentation de la nature au Luxembourg, cette approche permettra aussi de mettre en évidence certaines particularités stylistiques et génériques de la chronique de Batty Weber. Trois types de développements retiendront tout particulièrement notre attention : les innombrables évocations d’arbres abattus par les pouvoirs publics ; les chroniques inspirées par la première loi sur la protection des oiseaux ; enfin la présence de réflexions sur des thèmes gardant toute leur actualité dans le discours écologiste contemporain.

Une vision romantique et anthropocentrée de la nature : Batty Weber et les arbres remarquables

« Wahrscheinlich ist uns aus der holzreichen Zeit, da wir noch das Wälderdepartement hießen, diese Pietätlosigkeit gegen Bäume im Allgemeinen überkommen » (AK11 20 février 1915). C’est par ces mots que, le 20 février 1915, Batty Weber commente l’abattage de certains arbres remarquables par leur taille et leur âge, un sujet abordé par beaucoup de ses contemporains au cours de la même période. Si c’est au contraire pour mettre en évidence l’attachement supposé des Luxembourgeois à la nature que d’autres intellectuels de son temps se réfèrent à l’ancienne dénomination de l’actuel Grand-Duché (« Département des Forêts »), Batty Weber suggère de son côté que la surabondance des surfaces boisées aurait privé les Grand-Ducaux du respect que les arbres devraient leur inspirer. Peut-être le syntagme « holzreiche Zeit » constitue-t-il même une allusion discrète au fait que, pendant longtemps, les forêts étaient avant tout protégées en tant que réserves à bois. Ainsi l’ordonnance sur les Eaux et Forêts de Colbert (1669), souvent présentée comme une des premières mesures régulatrices concernant les forêts, était-elle fondée sur la nécessité économique et militaire d’exploiter le bois en tant que matière première.12 Or, la perception de la forêt s’est métamorphosée dès l’extrême fin du dix-huitième siècle, entre autres sous l’effet des progrès de la science et d’une vision pessimiste de l’histoire associant le déboisement à la décadence (Chalvet 2021a,157-172). La forêt devient alors progressivement un lieu de ressourcement pour des citadins et c’est dans ce contexte que, dès le dix-neuvième siècle et surtout au début du vingtième, des bois, des parties de forêts et des arbres isolés sont protégés ou classés (ibid., 273-310). Ces mesures sont par ailleurs favorisées par le développement du tourisme et par un intérêt croissant pour le patrimoine artistique et sa protection. Admirés en tant qu’espaces sauvages ou en tant que sites façonnés par l’homme, certains territoires boisés sont même élevés au rang de « figures paysagères de la nation » (Walter 2004) et investis de symboles identitaires (voir aussi Chalvet 2021a, 288-290 et Chalvet 2021 b).

Fig. 2: Un livre de la bibliothèque de Batty Weber, comportant un envoi autographe : Paul Modert, Code rural et forestier. Die Feld- und Waldgesetze im Grossherzogtum Luxemburg, Luxembourg, Imprimerie Saint-Paul, 1932. Fonds Batty Weber du CNL, L-48; IV.1.2.
Fig. 2: Un livre de la bibliothèque de Batty Weber, comportant un envoi autographe : Paul Modert, Code rural et forestier. Die Feld- und Waldgesetze im Grossherzogtum Luxemburg, Luxembourg, Imprimerie Saint-Paul, 1932. Fonds Batty Weber du CNL, L-48; IV.1.2.

Datée du 12 août 1927 et concernant à la fois les monuments historiques, les paysages et les monuments naturels (« Naturdenkmäler »), la première loi luxembourgeoise sur la protection des sites et des monuments nationaux témoigne elle aussi de ce que Martine Chalvet appelle une « nouvelle manière d’envisager la nature » (Chalvet 2021b, 231) : les arguments avancés lors de la présentation du texte à la Chambre des députés étaient d’ordre économique (l’intérêt touristique des paysages), moral, hygiénique, pédagogique, scientifique et identitaire.13 Inspiré de modèles étrangers, le projet de loi avait bénéficié de l’appui direct ou indirect d’associations telles que Landwûol, qui regroupait essentiellement des intellectuels conservateurs (Sunnen 2023), et le Touring-Club. Quant à la Société des naturalistes luxembourgeois, elle avait appelé dès 1901 à la protection des « Naturdenkmäler » (Massard 1990, 105). En novembre 1911, elle avait par ailleurs invité Hugo Conwentz, l’auteur de Die Gefährdung der Naturdenkmäler und Vorschläge zu ihrer Erhaltung (cf. ibid., 105s). L’ouvrage Die Baumriesen des Großherzogtums Luxemburg d’Ernest Faber, dont une première édition avait été publiée en 1893, a sans doute aussi contribué à cette nouvelle perception des forêts. Dans l’avant-propos, la nécessité de préserver certains arbres (ou des photographies de ces arbres) est avant tout justifiée par leur nature testimoniale, un argument que l’on n’attend pas a priori de la part d’un scientifique :

« Zweck dieser bescheidenen Schrift ist, die in unserem kleinen Vaterlande vorhandenen mächtigen, ehrwürdigen Zeugen früherer Zeiten, an die sich zugleich manche Sage knüpft, in Wort und Bild der Zukunft zu erhalten. Indem dadurch die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt wird, dürfte mancher von ihnen zum Gegenstand warmer Fürsorge werden, denn beim luxemburger Volk, den Bewohnern des früheren Wälderdepartementes, war das Interesse für die Baumriesen von jeher ein sehr ausgeprägtes. » (Faber [1920], 6)

Quand, dans sa chronique, Batty Weber qualifie les arbres de « einzig lebende Zeugen versunkener Zeiten », de « stumme Zeugen» (AK 28 octobre 1913), de « grün[e] Zeugen grauer Vergangenheit » (AK 31 juillet 1924), il pense probablement à Ernest Faber, qu’il cite régulièrement. Même s’il ne les qualifie pas explicitement de « Naturdenkmäler », il juge les vieux arbres dignes d’être protégés au même titre que les monuments historiques tels que la grotte du rocher de Saint-Crépin (cf. AK 19 janvier 1935), ce en quoi il est en parfait accord avec l’esprit de la loi de 1927. Dans sa chronique, les arguments avancés en faveur de la protection des arbres sont souvent d’ordre esthétique14 mais aussi identitaire, voire patriotique. Non seulement ils incarnent le temps qui passe mais leurs racines viendraient aussi nous rappeler l’importance de la mémoire collective, qui nous aiderait à mieux préparer l’avenir. Si la métaphore de l’arbre est employée dans des développements sur l’importance de l’histoire, il arrive que Weber passe ensuite à des considérations sur les arbres bien réels, dignes de protection précisément en raison de leur valeur symbolique. C’est notamment le cas dans une chronique de 1936, période au cours de laquelle le Luxembourg sent son intégrité territoriale et son indépendance menacées :

« Ein Volk ohne Geschichte ist ein Baum ohne Wurzeln.

Das sicherste Mittel, die Welt von unserm Recht auf Eigendasein zu überzeugen, besteht darin, daß wir unser eigenes Dasein in der Vergangenheit nachweisen.

P.S. – Auch die alten Bäume im Land überall sind ein Bestandteil unserer Geschichte, und wer sie ohne Not umhaut, vergeht sich an der Heimat ! » (AK 31 mars 1936 ; voir aussi Millim 2017, 118)

Tout en faisant écho au rapporteur de la commission chargée de l’élaboration du projet de loi de 1927, qui avait présenté la détérioration des sites comme un « crime de lèse-patrie » (Chambre des députés 3 mai 1927, 1753), ces développements montrent à quel point la dichotomie nature/culture est absente de l’argumentation de Batty Weber, qui insiste par ailleurs sur le sort des arbres individuels et non sur leur fonction au sein de ce que nous appelons aujourd’hui un écosystème. La plupart des spécimens dont il déplore la disparition se trouvent de surcroît en milieu urbain ou périurbain et ceux qui portent la trace d’une intervention humaine – par exemple quelque graffiti – lui semblent particulièrement dignes d’être protégés. Surtout, dans sa chronique, ces arbres sont artialisés, au sens qu’Alain Roger a conféré à ce terme,15 c’est-à-dire vus et évoqués à travers une grille de lecture culturelle. De manière récurrente, ils sont ainsi qualifiés de « Baumsolisten » (AK 31 juillet 1924) ou de « Solo[bäume] » (ibid. et autres occurrences).

Comme le confirme indirectement cette métaphore musicale, la caractéristique la plus saillante de l’évocation des arbres dans l’Abreißkalender est leur anthropomorphisme. Le 29 janvier 1935, Batty Weber imagine par exemple un dialogue avec un arbre abattu doté non seulement de la parole mais aussi d’un véritable visage : « die helle Hieb- und Sägefläche am untern Ende war wie ein Gesicht, rauh, grimassenhaft verzerrt, die beim Umbrechen zerrissenen Holzfasern wie ein gesträubter Bart um Lippen, Wangen und Kinn. » (AK 29 janvier 1915) Cet anthropomorphisme n’a en soi rien de bien original. Comme le remarque Martine Chalvet, « à la veille de la Première Guerre mondiale, le topos de l’arbre humanisé est devenu un lieu commun largement partagé. Tantôt envisagée comme une femme que l’on aime ou un enfant que l’on protège, la forêt est aussi perçue comme un ancêtre vénérable, symbole de sagesse, qui mérite le respect. » (Chalvet 2021a, 284) Chez Batty Weber, l’humanisation a indéniablement une fonction rhétorique : qualifier l’évocation d’un « patriarche » abattu de « nécrologie » (« Nachruf » ; AK 20 février 1915) ou traiter de « faire-part de décès » (« Todesanzeige » ; ibid.) un développement sur une coupe, voilà des procédés visant à toucher le lecteur et à le faire adhérer au point de vue du chroniqueur. Comparer les coupes à une exécution (cf. AK 21 décembre 1922) ou assimiler une bordure de route couverte d’arbres abattus à un champ de bataille participe de cette même stratégie, de même que les comparaisons entre l’abattage d’un arbre et celui d’un porc (cf. AK 18 février 1927).

Au-delà de cette dimension rhétorique et de l’idée romantique d’une nature reflétant le devenir de l’homme, on trouve parfois des passages qui, timidement, esquissent l’idée d’une continuité entre l’humain et le non-humain. En témoigne ce développement consacré à la profession de garde-forestier, où on détecte certes de l’humour, mais aussi l’idée que les arbres sont des êtres vivants à part entière, qui partagent avec les humains une certaine manière d’être au monde par leur organicité même :

« Zwischen lebenden Wesen dahingehen, die atmen, die fühlen, was Sonne ist und Nacht, die zum Licht erwachen und die sterben, wie wir, und die nicht reden! Die einen nicht fragen wie’s geht, warum sich die Müller von ihrem Mann scheiden läßt, welchen neuen Prozeß Herr Bischof Koppes wieder auf dem Hals hat. […]

Stumme Zeugen ? Nein. Wer will, kann sie reden hören. Und wer ihnen zuzuhören weiß, wird verstehen, daß die Vergangenheit uns viel, viel näher ist, als wir glauben. Wir brauchen uns nur im Zusammenhang mit ihr zu fühlen, so schlingt sich lebendig das Band der Menschenleben, die sich von ihnen zu uns gesponnen haben, und alle, die einst im Schatten unserer Baumriesen wandelten und in ihre Rinde Namen und Herzen schnitten, sehen uns aus Bruder- und Schwesternaugen an. » (AK 28 octobre 1913)

Toutefois, l’insistance, à la fin de ce développement, sur la capacité des arbres à nous rapprocher de notre passé confirme la vision anthropocentrée de la nature que Batty Weber partage avec les hommes de son temps : on est loin de la « célébr[ation] » de l’arbre que propose Robert Dumas (cf. 2002, 238), plus loin encore de La Vie des plantes d’Emanuele Coccia, qui entend « rouvrir la question du monde à partir de la vie des plantes. » (Coccia 2016, 31) On note par ailleurs que, contrairement à certains de ses contemporains (notamment les naturalistes) et surtout contrairement aux acteurs de l’écologie politique, et sans même parler de phénomènes qu’il ne pouvait connaître, comme l’importance des forêts dans la lutte contre le réchauffement climatique d’origine humaine, Weber ne souligne pas le rôle primordial des arbres pour la survie d’autres espèces, tels les oiseaux qui y nichent. Son discours sur les mesures visant à protéger la gent ailée, très ambivalent, confirme dans une large mesure cet écart qui le sépare des écologistes modernes.

La protection des oiseaux au miroir de l’Abreißkalender

Les oiseaux étaient, au Grand-Duché comme dans d’autres pays européens, les premiers animaux sauvages à bénéficier d’une protection légale spécifique, réclamée d’abord dans le cadre d’une approche utilitaire et anthropocentrée dont la Convention de Paris sur la protection des oiseaux utiles à l’agriculture (1902) est une des expressions les plus nettes.16 Inspirée largement par Jean Morbach, le fondateur de la Société pour la protection des animaux et des sites,17 la première loi luxembourgeoise sur la protection des oiseaux, entrée en vigueur le 24 février 1928, était en avance sur son temps dans la mesure où elle stipulait notamment une interdiction générale de la chasse aux oiseaux migrateurs et la protection de certains oiseaux ne présentant aucun intérêt économique direct pour l’homme, comme les chouettes et certains rapaces, ainsi que la prohibition des méthodes de chasse jugées cruelles, comme l’emploi de lacets ou de glue (cf. Melchior 1995, 4). Le fait qu’elle prévoie la possibilité de reclasser certaines espèces dans la catégorie des « oiseaux-gibier » poussa néanmoins son principal instigateur à la démission et permit la ré-autorisation de la chasse à certaines espèces au cours des années suivantes (ibid.). Alors même que Morbach et les auteurs du texte avaient voulu éviter toute distinction entre oiseaux nuisibles et oiseaux utiles, celle-ci fut omniprésente lors de la première lecture du projet le 31 mai 1927, puis au moment de la seconde lecture (19 janvier 1928). Batty Weber, qui était sténographe à la Chambre de 1895 à 1928 (cf. Marson 2025), ne l’ignorait pas.

Le 3 juin 1927, il publie un dialogue imaginaire avec un personnage récurrent de sa chronique, M. Grimmberger, dont le nom est manifestement dérivé de l’adjectif allemand « grimmig » (« fâché », « féroce ») et qu’il lui arrive de qualifier de « Nörgler » (« râleur »). Parfois présenté comme l’auteur de courriers que Weber s’empresse de publier et de commenter, Grimmberger est tantôt l’alter ego du chroniqueur, tantôt le contradicteur d’un narrateur anonyme dont il est impossible de savoir s’il incarne ou non le point de vue de Batty Weber. Le dialogue publié le 3 juin 1927 s’ouvre sur une interpellation du narrateur anonyme qui annonce à Grimmberger qu’en raison de la nouvelle loi, il devra désormais se passer de « grives sur canapé» 18  – ce à quoi l’intéressé répond qu’il n’aura aucune difficulté à se procurer les Krammetsvögel dans un des pays voisins. Ce premier contre-argument (la supposée inutilité des mesures régulatrices prises par les États de petite taille), Batty Weber a pu l’entendre lors des débats à la Chambre.19 Il est suivi d’un deuxième, lui aussi inspiré de la séance parlementaire. À une remarque admirative du narrateur sur la manière dont le rapporteur de la commission parlementaire (cité nommément) avait présenté la loi en insistant sur la nécessité de préserver l’équilibre de la nature, Grimmberger répond : « O ja, er hatte vollkommen recht. Er sagte: Die Natur gleich[t] von selbst das Zuviel und Zuwenig aus. Sollte man es da also nicht darauf ankommen lassen, daß sie für Ausgleich sorgt, wenn einmal eine Unterbilanz an Vögeln sich herausstellt? »20

La réponse que le narrateur assène à Grimmberger au sujet de l’inutilité de la régulation n’a quant à elle pas été formulée à la Chambre et pourrait certainement être qualifiée de proto-écologique. Marquée stylistiquement par une répétition que l’on retrouvera plus tard dans un des slogans écologistes les plus connus,21 la réflexion porte sur le risque d’extinction des espèces : « Aber wenn der Mensch den letzten Krammetsvogel gefangen hat, und damit den letzten Buchfinken und die letzte Meise und das letzte Rotkehlchen, dann ist es mit dem Ausgleich definitiv Essig. » (AK 3 septembre 1927)

Le dialogue fictif imaginé par Batty Weber reste pourtant très ambivalent. Si, très convaincant, cet argument du narrateur semble destiné à obtenir l’adhésion du lecteur à la cause des oiseaux, c’est Grimmberger qui a le dernier mot. Après les réflexions sur l’équilibre de la nature et la chaîne alimentaire au bout de laquelle se trouve l’homme, que des microorganismes finiront par ronger, Grimmberger rappelle au narrateur une « étrange affiche » (« merwürdige[s] Plakat ») que ce dernier aurait vue, pendant la Grande Guerre, quelque part en Belgique ou en France :

« Ach ja, ich entsinne mich genau. Es war am Tage nach der Schlacht ... »

« Dem Schlachten, wollen Sie sagen. »

« Also dem Schlachten von Ethe. […] Es roch nach Blut, die Verwundeten brüllten aus den Fenstern, die Toten lagen in den Gräben […], und als wir nach Virton kamen, sahen wir an einer Gartenmauer das große Plakat: « Soyez bons pour les animaux ! »

« Da haben Sie’s ! Die Krammetsvögel werden sich einen Ast lachen, wenn sie hören, daß wir sie schützen wollen, und daß die Großen der Erde schon das Jahr bestimmen, in dem wir selbst uns wieder millionenweise gegenseitig totschlagen werden ! » (ibid.)

Batty Weber renvoie à plusieurs reprises au panneau de la Société pour la protection des animaux vu sur les ruines d’une des villes martyres, à chaque fois pour suggérer que la protection de la vie humaine devrait passer devant le bien-être animal : en octobre 1927, le libellé de la SPA apparaît dans un développement consacré à la Croix-Rouge (cf. AK 21 octobre 1927), en 1933 il est cité en relation avec le remplacement de la chasse aux pigeons par le tir aux pigeons d’argile, lequel devrait inciter à la mise en service de soldats en terre cuite lors des guerres (cf. AK 27 mai 1933), enfin en mai 1934 dans une réflexion sur la nécessité d’interdire les attelages de chiens (cf. 19 mai 1934), une pratique de fait combattue par les différentes sections de la Société pour la protection des animaux.22 Les références ironiques au slogan, qui a d’ailleurs été cité sous une forme proche lors de la première lecture du projet de loi sur la protection des oiseaux23, constituent très certainement de la part de Batty Weber une remise en question d’un des principaux arguments avancés par cette société, au Luxembourg comme ailleurs : l’espoir que la bonté vis-à-vis des animaux rendrait les hommes meilleurs (cf. Klein 1913).

La loi sur la protection des oiseaux a inspiré un deuxième dialogue au chroniqueur. Publié le 21 juin 1927, il oppose encore une fois un narrateur anonyme à un homme lui aussi anonyme qui affirme s’être servi de son fusil de chasse pour protéger les petits oiseaux de son jardin contre des geais agressifs – un geste qui, au lieu des félicitations escomptées, ne lui aurait apporté que des reproches de la part de sa famille. Guère disposé à aider l’ennemi des geais à mettre en place un type « rationnel » de protection des oiseaux (qui viserait la protection exclusive des volatiles agréables à l’homme) et songeant plutôt à fonder une société pour la protection des humains (« Menschenschutzgesellschaft »), le narrateur poursuit sa route jusqu’à ce qu’il aperçoive un homme tirant une charrette sur laquelle sont posés des bagages ainsi qu’une jeune femme. La présence d’un chien imposant marchant à côté de l’attelage lui inspire les réflexions suivantes :

« ‹ Ist das Ihr Hund ? ›
‹ Jawohl ! ›
‹ Warum spannen Sie ihn denn nicht an ? ›
Da rief die junge Frau entrüstet:
‹ Wir sind im Tierschutzverein. ›
Und der Mann zog das Wägelchen weiter. Ob die Frau später auch noch die Ulmer Dogge zu sich aufs Gefährt nahm, weiß ich nicht. »
(AK 21 juillet 1927)

Dans ces deux chroniques, le choix du dialogue permet à Batty Weber de ne pas prendre position – une attitude de retrait que confirment les nombreuses questions dans certains développements consacrés aux arbres et aux raisons censées en justifier l’abattage. Pourtant, témoignant d’une distance par rapport à une législation dont les enjeux lui semblaient disproportionnés, ces dialogues écrits sur le vif et destinés à divertir ne témoignent pas, de la part de Batty Weber, d’une insensibilité vis-à-vis du bien-être des animaux. D’autres passages de sa chronique montrent en effet qu’il jugeait cruelles certaines pratiques de chasse telles que l’usage du miroir aux alouettes.24 Dès 1918, il prend aussi la défense de la corneille, en s’appuyant sur des arguments utilitaires tirés d’un livre de zoologie (cf. AK 3 mars 1918).

Des préoccupations proto-écologiques

Plus fondamentalement, il est sans conteste que Batty Weber était sensible à certains sujets occupant une place centrale dans l’écologie politique telle que nous la connaissons aujourd’hui. Ainsi, c’est la question de la pollution des cours d’eau par les tanneries que, pêcheur passionné attaché à la région mosellane, il aborde dans son roman Brabanter lernt fischen (1931 à 1932 ; cf. Weber 2010 ; Thiltges 2020, 222). Sa chronique du 12 janvier 1930 concerne la pollution de la Wiltz. De façon révélatrice, ces réflexions sont menées sous la forme de questions qui, en l’occurrence, présentent certains traits de la question rhétorique :

« Soll man nun solchen Niederlassungen, die nur Einzelinteressen dienen, großmütig erlauben, eine Bevölkerung von Tausenden um ihr angestammtes Recht auf eine gesunde Luft und klares Wasser zu bringen? Soll man nicht sorgfältig das Vorhandene gegen die problematischen Vorteile eines geplanten Neuen abwägen, und soll man nicht, wo das Übel leider schon eingewurzelt ist, die Schuldigen zwingen, auf einen Teil ihrer Dividenden zu verzichten und das Geld für Anlagen aufzuwenden, die den Schaden wenigstens so weit abschwächen, wie es mit den Hilfsmitteln der Technik und Wissenschaft möglich ist? » (AK 12 janvier 1930)

Quant à l’épuisement des ressources fossiles, que l’on associe souvent au rapport dit « Meadows » sur les limites de la croissance publié en 1972, il est annoncé par Batty Weber dès avril 1918, dans un dialogue portant sur la motorisation. On note une nouvelle fois la répétition insistante de l’adjectif « letzter », à des fins rhétoriques :

« Lieber Mann, die Sache ist sehr einfach. Ihre Dampfmaschinen, Ihre Benzinmotore, ja sogar Ihre Dauerbrandöfen stehen und fallen mit toten Reserven in der Natur, die niemals erneuert werden können. An dem Tage, wo die letzte Kohle und die letzte Tonne Petroleum aus den Eingeweiden der Erde geholt ist, sind die Stunden Ihrer maschinellen Motoren gezählt und können Sie Ihre Kohlenheizungen zum alten Eisen werfen. » (AK 16 avril 1918)

Or, alors que la question de la fin des ressources fossiles constitue, dans le discours écologiste moderne, un élément des scénarios-catastrophes, l’interlocuteur du narrateur se montre étonnamment optimiste : à défaut de pouvoir se chauffer au pétrole, les hommes devront, selon lui, recommencer à brûler les vieilles bûches qui « repoussent éternellement dans nos forêts » (« die in unsern Wäldern endlos nachwachsen », ibid.) , un espoir qui a cessé d’être partagé à l’heure du dérèglement climatique.

Fig. 3: Batty Weber en 1934. Album de photos du Fonds Batty Weber du CNL, L-48 ; III.3.1 (page portant la date du 16 avril 1934).
Fig. 3: Batty Weber en 1934. Album de photos du Fonds Batty Weber du CNL, L-48 ; III.3.1 (page portant la date du 16 avril 1934).

Conclusions

Batty Weber, un écolo avant la lettre, un « Ökobatty » ? En raison des contraintes génériques de sa chronique, de l’importance qu’y prennent certaines figures rhétoriques et vu le choix récurrent du dialogue (en somme du dialogisme au sens bakhtinien du terme), il reste difficile de définir de manière précise sa position au sujet des premières mesures visant à protéger la nature. Bien qu’il se montre conscient de certains enjeux environnementaux, son discours sur la nature est globalement conforme au contexte esthétique, idéologique et épistémologique de son temps. Inséparable de la culture, souvent investie d’un symbolisme identitaire mis au service de la construction d’un sentiment d’appartenance collective, anthropomorphisée et décrite à l’aune de modèles culturels, la nature est jugée digne d’être protégée tant que les mesures prises en sa faveur ne remettent pas en question la primauté de l’homme. Si les travaux d’Anne-Marie Millim sur la représentation des forges du bassin minier (cf. Millim 2014) ainsi que les études portant sur le roman Fenn Kaß incitent à classer Batty Weber parmi les représentants de l’avant-garde littéraire et parmi les défenseurs du progrès technologique, ses évocations des arbres remarquables sont largement marquées par le romantisme et proches, sur certains points, de réflexions que l’on trouve chez des intellectuels plus conservateurs – ce qui montre la diffusion des idées pré-écologiques au-delà des clivages politiques et la difficulté à les interpréter dans le contexte de l’opposition entre conservateurs et modernes thématisée dans Fenn Kaß. Enfin, l’Abreißkalender confirme les réflexions de Sébastian Thiltges sur « l’anthropologie de l’humain non moderne » (Thiltges 2019, 67) telle qu’elle se manifeste dans certains passages de ce roman de Batty Weber, « moderne » devant dans ce contexte être compris au sens de Bruno Latour, qui associe la naissance de la modernité au dualisme nature/culture. C’est justement dans la mesure où ses textes suggèrent parfois de manière discrète une continuité entre les humains et le vivant non-humain (notamment les arbres) que Batty Weber peut toucher notre sensibilité de lecteurs écocritiques – en nous rappelant à sa manière que « nous n’avons jamais été modernes » (Latour 1991, titre).

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„Die Autolinie ist die Linie der Zeit“: Mobilität(en) der Moderne in Batty Webers Abreißkalender

Yorick Schmit

1. Einleitung

„Die Autolinie ist die Linie der Zeit.“ (AK1 10. Januar 1925) Diese bestechende Beobachtung Webers findet sich in einem Eintrag des Abreißkalenders aus den 1920er Jahren. Im Feuilleton beschreibt Weber eine zufällig wiedergefundene Postkarte des Fotografen und Belle-Époque-Chronisten Charles Bernhoeft (1859-1933) aus dem Jahre 1903. Sie zeigt ein Automobil bei der Überquerung der gerade fertiggestellten Adolphe-Brücke. Beim abgebildeten Fahrzeug handelt es sich um eine Variante des Benz-Modells Victoria (produziert: 1893-1900), einer Weiterentwicklung des von Carl Benz patentierten, dreirädrigen Motorwagens (produziert: 1885-1886; vgl. Hoffmann 2002, 4). Besitzer des Gefährts war der seinerzeit stadtbekannte Eigentümer der Villa Louvigny, „Kleens Jampier“ (Jean-Pierre Klein), wie Weber ihn nennt.

In seinen Ausführungen ist Weber jedoch weniger an solchen Details interessiert als am gesellschaftspolitischen Kontext, der sich hier herausarbeiten lässt. Bereits in den 1920er Jahren ist das Automobil zu einem wirkmächtigen Kulturobjekt geworden, das gesellschaftliche und technische Modernisierungsprozesse reflektiert und aktiv vorantreibt. Besonders augenfällig zeigt sich dies im Design der Wagen. „Nichts daran verrät die Zweckmäßigkeit eines Werkzeugs, das auf höchste Schnelligkeit gerichtet ist“, urteilt Weber über das kutschenähnliche Gefährt der Jahrhundertwende (AK 10. Januar 1925). Verglichen mit den weichen, geschwungenen Linien der Automobile der Zwischenkriegszeit wirkt dieser „Wagen ohne Pferd“ wie ein „Fötus neben einem Apollo“ (ebd.). Hier deutet sich bereits Webers ambivalente Haltung zum automobilen Fortschritt an: Er lässt sich leicht von technischen Neuerungen begeistern, bleibt jedoch kritisch bei seiner Analyse der daraus folgenden gesellschaftlichen Konsequenzen.

Abb. 1: Postkarte; BnL Nr. 3855
Abb. 1: Postkarte; BnL Nr. 3855

Die eingangs zitierte „Linie der Zeit“ verweist nämlich nicht nur auf das dem Zeitgeist folgende Design der Wagen, sondern auf eine andere soziohistorische Entwicklung der Moderne, die das Automobil mitgeprägt hat: die Zeit-Raum-Komprimierung durch technologische Innovationen, also die gesellschaftliche Beschleunigung des Alltags durch neue Kommunikations- und Fortbewegungsmittel (vgl. Rosa 2005, 71). In diesem Kontext kritisiert Weber das ungebremste „Bewegungsfieber“ (AK 6. Oktober 1926), das das Land ergriffen hat.

Beide oben angerissene Schwerpunkte verdienen eine tiefergehende Analyse. Den kulturtheoretischen Hintergrund der nachfolgenden Argumentationskette bilden die Foucault’schen Heterotopien sowie Paul Virilios Konzept der Dromologie. Als Vordenker des spatial turn in den Kultur- und Geisteswissenschaften interpretiert der französische Philosoph Michel Foucault gesellschaftliche Strukturen als Netzwerk von realen und imaginierten Räumen. Im Radiovortrag Les hétérotopies (1966) führt Foucault den Begriff der Heterotopie ein, um Räume bzw. Orte zu klassifizieren, die die zu einer bestimmten Zeit vorgegebenen Normen nur zum Teil oder nicht vollständig umgesetzt haben oder die nach eigenen Regeln funktionieren. Im Gegensatz zur rein immateriellen Utopie sind Heterotopien sowohl real existierende Orte als auch mit ideologisch-politischen Ideen verbundene Abstrakta. Prototypische Beispiele sind Friedhöfe, Gefängnisse, Pflegeheime und Gärten. Als „Heterotopie par excellence“ beschreibt Foucault jedoch das Schiff, das „nicht nur das wichtigste Instrument zur wirtschaftlichen Entwicklung gewesen ist, sondern auch das größte Reservoir für die Fantasie“ (Foucault 2013, 21). Foucault spielt hier auf die Entwicklung der Dampfschifffahrt an, die tiefgreifende Auswirkungen auf den globalen Handel des 19. Jahrhunderts hatte. Als neuartiges Fortbewegungsmittel läutete sie auch eine gesellschaftliche Globalisierung ein, indem sie Migration und kulturellen Austausch förderte. Im Folgenden soll argumentiert werden, dass diese Ausnahmestellung des Schiffes im 20. Jahrhundert vom Automobil im Speziellen und der Straße im Allgemeinen übernommen wird: ein neu entstandener Sozial- und Wirtschaftsraum, der für Modernität, sozialen Aufstieg und Freiheit steht und im Laufe der Jahre seine eigenen Regeln, Rituale und Zugangsbeschränkungen entwickelt. Weber nimmt sich dieses neuen sozialen Raums immer wieder in seiner Feuilletonserie an. Er tritt als analytischer Beobachter auf, der kritisch hinterfragt und auf Exzesse aufmerksam macht, ohne jedoch konservativ oder rückwärtsgewandt zu argumentieren.

Ein weiteres Charakteristikum der Heterotopie betrifft die ihr zugrundeliegende Zeitstruktur, die mit der herkömmlichen (subjektiven) Zeiterfahrung des Menschen bricht. Foucault spricht von Heterochronie. In diesem Kontext lassen sich Parallelen zu Paul Virilios Werk ziehen, das die beschleunigte Zeiterfahrung der Moderne nach soziohistorischen und wirtschaftlichen Parametern ausleuchtet. In Vitesse et politique (1977) führt er den Begriff der Dromologie ein, eine soziohistorisch geprägte Theorie vom Wesen der Geschwindigkeit und der Beschleunigung. Für Virilio stellt die Akzeleration den zentralen Motor des Fortschritts im letzten Jahrhundert dar. Über wirtschaftlichen oder sozialen Aufschwung, über Sieg oder Niederlage in einem Krieg entschied im 20. Jahrhundert eine Frage: Wer kann am schnellsten Menschen, Waren oder Ideen von A nach B transportieren (vgl. Virilio 1980, 177-179). Diese Form der revolutionären Akzeleration hat zwei Mal stattgefunden: einmal am Ende des 19. Jahrhunderts – im Zuge der Industrialisierung (und der Popularisierung des Automobils) – und einmal am Ende des 20. Jahrhunderts, als die geteerten Autobahnen durch digitale Straßen im Netz abgelöst wurden. Webers Abreißkalender bietet als zeithistorisches Dokument wertvolle und bisher unbekannte Einsichten in diese erste Welle der gesellschaftlichen Beschleunigung.

Der Artikel ist in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Teil werden Webers allgemeinen gesamtgesellschaftlichen Analysen zur Geschichte und Evolution der Mobilität untersucht – ein Leitthema, auf das der Autor im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zurückkommt. Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die soziologischen Folgen, die die fortschreitende (Auto-)Mobilisierung Luxemburgs provoziert, sowohl auf der Straße selbst als auch in anderen gesellschaftlichen Räumen. Ein letzter Teil rückt den Unfall als neue Kontingenzerfahrung der Moderne in den Mittelpunkt. Hier trifft der utopische Fortschritts- und Freiheitsgedanke der Automobilität auf die von Karambolagen und Verkehrsopfern geprägte Alltagsrealität – und auf die allgemeine Indifferenz der Öffentlichkeit gegenüber Letzteren.

2. „Die Überwindung des Raums“: Geschichte und Evolution der Mobilität im Abreißkalender

„Über kein Problem haben seit Erschaffung der Welt so viele Gehirne gedampft, wie über dem der mechanischen Fortbewegung, der Überwindung des Raums.“ (AK 9. April 1926) Das Zitat Webers illustriert ein rekurrierendes Motiv im Abreißkalender – eine wenig überraschende Themensetzung, wenn man bedenkt, welche technologischen Quantensprünge in diesem Bereich während der rund dreißigjährigen Publikationsperiode absolviert wurden. Die fortschreitende Popularisierung von motorisierten Transportmitteln hat weitreichende Folgen. Die ersten Opfer des Fortschritts sind, laut Weber, die Pferde. Letztere lässt er in einem satirischen Artikel selbst zu Wort kommen, um die Nachteile der automobilen Konkurrenz aufzulisten: „[Das Auto] [r]ennt […] blindlings in Bäume, daß seine Insassen Hals und Bein brechen. Kostet zwanzig, fünfzig Mal so viel wie unsereins, frißt nicht, aber säuft endlos, dazu teures Zeug. Dabei ist nicht einzusehen, was bei dem verrückten Tempo herausschaut. Wer langsam fährt, kommt auch ans Ziel.“ (AK 21. Januar 1932)

Neben praktischen und finanziellen Beweggründen, das Automobil zu meiden, sticht hier vor allem das Plädoyer für ein langsameres Fortbewegen hervor. So fasziniert Weber von der neuen Technik auch ist, die gesellschaftliche Akzeleration, die sie mit sich bringt, interpretiert er zunehmend kritisch:

„Wir jagen heute im 50 Kilometertempo durchs Land und sehen die Dinge und Menschen, immer nur im Flug. Wie wäre es, wenn man einmal einen Tag lang mit so einem Rollefax durch die Landschaft führe und sich wieder einmal langsam und gründlich bewußt würde, was das denn für ein Leben ist, das die Menschen draußen führen.“ (AK 14. Februar 1933)

Hier benutzt Weber Argumente, die auch heute noch im populären Diskurs, etwa im Kontext von mindfulness und dem slow movement, verbreitet sind, indes in einem gänzlich anderen Kontext als damals. Über bequemes und schnelles Reisen würde sich heute niemand beschweren. Am Anfang des 20. Jahrhunderts werden die vergleichsweisen hohen Reisegeschwindigkeiten jedoch kontrovers diskutiert. So führt der deutsche Psychiater Paul Moebius (1853-1907) den Begriff der Nervosität ein, um den Zeitgeist der damaligen Zeit zu beschreiben und auf die vermeintlichen Risiken von Neurosen und überlasteten Sinnesorganen durch die gesellschaftliche Akzeleration aufmerksam zu machen (vgl. Bickenbach und Stolzke 2014, 89). Mit dem sogenannten railway brain wird vor den vermeintlich negativen Einflüssen des Zugreisens auf das Gehirn gewarnt. Der Erfinder und Automobilkonstrukteur Léon Bolles warnt sogar davor, schneller als fünfzig Kilometer pro Stunde zu fahren, da sonst akute Erstickungsgefahr drohe (vgl. ebd., 90). In diesem Kontext spricht Weber nicht nur seine Sympathien für das Pferd aus, sondern auch für ein neues, aber langsameres Fortbewegungsmittel: „Ich hätte wahrscheinlich nie unser Ösling gesehen, wenn ich nicht eines Tages angefangen hätte, Rad zu fahren“, gibt er die Rede eines jungen Mannes wieder und unterstreicht damit sein Plädoyer für ein gemächliches, bewusstes Reisen (AK 10. Oktober 1925).

Die gesellschaftliche Faszination für das Automobil, die Weber in Luxemburg beobachtet, beschränkt sich jedoch mitnichten auf schnellere Reisemöglichkeiten. Es ist vor allem ein Symbol für gesellschaftlichen Aufstieg und ungebrochenen Fortschrittsglauben. Die Lektüre einer Ausgabe der französischen Zeitschrift L’Illustration (erschienen: 1843-1944), die dem Automobil ihre Titelstory gewidmet hat, nimmt Weber zum Anlass, um über die Gründe von dessen Popularität nachzusinnen:

„Es wäre ein Buch über den psychologischen Einfluß des Autos auf das Verkehrswesen Mensch zu schreiben. Das Auto zieht hinter sich nicht nur die Aufgestörtheit [sic] des Wirbelwinds und des Staubes her, hinter ihm drein fliegen tausend Sehnsüchte aus Seelen, in denen der Wunsch nach den Höhen des Lebens erwacht“ (AK 10. Oktober 1925).

Auch Weber scheint zumindest teilweise von jenen Sehnsüchten gepackt zu sein. Im Oktober 1926 schreibt er mit Begeisterung über den Autosalon in Paris, die erste Messe zum Thema Automobilität, die ihre Tore bereits 1898 ein erstes Mal geöffnet hat. Im Luxemburg der 1920er Jahre ist das Automobil noch ein Luxusobjekt, das von vielen bewundert, aber den wenigsten gefahren wird. So rechnet Weber vor, dass in Luxemburg ein Auto auf je sechzig Einwohner kommt. Noch ist die Automobilität also ein Privileg der gesellschaftlichen Eliten. Dies erklärt wohl auch Webers ambivalente Haltung, die kontinuierlich zwischen Faszination und kritischer Ironie schwankt. Die Informationen zum Autosalon in Paris hat er wiederum der Zeitschrift L’Illustration entnommen, die, wie er unterstreicht, nur zehn Franken kostet. Der klassenbewusste Weber interpretiert das Massenmedium Zeitschrift als Möglichkeit, kostengünstig in der Imagination zu reisen – für all jene Bevölkerungsschichten, denen das teure Automobil vorerst noch verwehrt bleibt. Die von Paul Virilio beschriebene beschleunigte Moderne lässt sich somit nicht auf neue Transport- und Fortbewegungsmittel reduzieren, vielmehr zeichnet sich hier auch der Beginn einer globalisierten Daten- und Informationsrevolution ab, die vor allem von den Massenmedien wie Presse und Radio angetrieben wurde: Information wird zur Ware (vgl. Wenzlhuemer 2020, 76-92).

Gleichzeitig etablieren sich für Weber im sozialen Raum der Straße neue gesellschaftliche Machtstrukturen, zwischen elitären Automobilisten und (mittellosen) Fußgängern: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß dem Auto heute mindestens dieselben Rechte zustehen, wie dem Fußgänger. In den Stadtstraßen, wohlverstanden, denn draußen hat sich das Auto längst über den Fußgänger hinweggesetzt.“ (AK 22. September 1928) Treffend beschreibt Weber hier die langsame Verdrängung des Fußgängers aus dem Straßenbild Luxemburgs. Dass hier nicht nur zwei Fortbewegungsarten gegeneinander ausgespielt werden, sondern auch zwei gesellschaftliche Schichten aufeinandertreffen, ist Weber nur allzu bewusst. Die enge Verzahnung zwischen Mobilität und sozialer Klasse verdeutlicht sich in Webers Reflexionen zu den Massentransportmitteln, die fast zeitgleich mit dem Automobil Luxemburgs Straßenbild grundlegend umstrukturieren: „Im […] Kampf der Menschheit gegen Zeit und Raum gibt es, kann man sagen, Schlachten und Duelle, Aufgebote der Massen und Aufgebote der Individuen“ (AK 13. Oktober 1936). In diesem Kontext interpretiert Weber das Fahrrad als eigentlichen Vorgänger des Automobils: „Durch die Radfahrer wurde der Instinkt der Persönlichkeit wieder angeregt, der Trieb, aus eigener Kraft, nach eigener Zeitbestimmung und auf selbstgewählten Wegen durch die Geographie zu strolchen.“ (ebd.) Dieser modernistischen „Individualismuswelle“ kann Weber wenig abgewinnen (AK 22. September 1928). Mit Nostalgie erinnert er sich zurück an eine Zeit, „wo der Einzelne vor dem, was man Allgemeinheit nannte, zurückzustehen hatte“ (ebd.).

Die Popularisierung des Verbrennungsmotors im Luxemburg der 1920er Jahre revolutioniert nicht nur die Fortbewegung des Individuums. Mit dem Autobus bekommen die etablierten Massentransportmittel Eisen- und Straßenbahn neumodische Konkurrenz. Bereits in den 1930er Jahren wird darüber debattiert, ob der Bus nicht das Ende der altbekannten Schmalspurbahnen in Luxemburg einläuten wird. Welchem Transportmittel gehört die Zukunft? Auch in dieser breit diskutierten Frage gibt sich Weber konservativ. Sein Favorit ist Jangeli, jene landbekannte Schmalspurlinie, die Luxemburg Stadt mit Remich verbunden hat. Sie ist billiger, man sitzt weniger beengt und kann zwischen drei Klassen wählen, so Weber in seiner Argumentation. Der Hinweis auf die drei Klassen verknüpft der zeitkritische Feuilletonist mit einer weiteren aufschlussreichen Beobachtung:

„Im Autobus sitzt alles einträchtiglich neben- und durcheinander. Aber nur bis zu einer bestimmten Gesellschaftsklasse. Ein Bruchteil der Einwohnerschaft unseres Ländchens wird niemals Autobus fahren. Oder ist Ihnen vielleicht schon ein Staatsminister oder einer seiner Kollegen […] im Autobus begegnet? Wogegen sich alle diese nicht scheuen würden, einmal von Cruchten bis Fels im Bimmelbähnchen zu fahren.“ (AK 30. März 1939)

Auch der scheinbar volksnahe Massentransport ist, so Weber, nicht gefeit vor dem allgegenwärtigen Klassendenken. Der Feuilletonist thematisiert auffallend oft Klassenunterschiede und äußert sich kritisch über die sozialen Ungleichheiten der luxemburgischen Gesellschaft.

3. „Das Verkehrswesen Mensch“: soziologische Beobachtungen aus Webers Alltag

Wie verändert die neugewonnene Mobilität den Alltag der Menschen? Welche gesellschaftlichen Regeln und Rituale, Interaktionen und Interessen entwickeln sich rund um den neuen sozialen Raum der Automobilität? Während im ersten Kapitel eine Makroperspektive eingenommen wurde und größere gesellschaftliche und technische Entwicklungen beschrieben wurden, stehen nun soziologische Fragestellungen im Mittelpunkt, die sich vor allem aus Webers zufälligen, alltäglichen Beobachtungen herauskristallisieren lassen.

Das Automobil als neues Kultur- und Sportinstrument

Über simples Prestigeobjekt und Transportmittel hinaus interpretiert Weber das Auto als „gesellschafts- und völkerpädagogisch[es] […] Kulturinstrument“, das seine Fahrer nach gesellschaftlichen Normen formen und erziehen soll (AK 7. Oktober 1927). In einem Feuilleton aus dem Jahr 1927 baut Weber diesen optimistischen Gedankengang aus: „Jeder führe natürlich am liebsten so rasch und ungeniert, wie es ihm am besten passt. Aber die Rücksicht auf die andern zwingt ihn zur Einschränkung. Und da kommt dann die Wirkung in umgekehrter Richtung: daß nämlich die Rücksichtnahme auf die andern das allgemeine Tempo beschleunigen hilft.“ (ebd.)

Die individuelle Freiheit, die man durch den Besitz eines Automobils gewinnt, wird also durch übergeordnete kollektive Ansprüche wieder eingeschränkt. Die neuen Gesetzmäßigkeiten der Straße entwickeln sich teilweise aus der praktischen Notwendigkeit heraus, andere wiederum werden vom Gesetzgeber geprägt, der früh versucht, den aufblühenden Sozial- und Wirtschaftsraum Straße zu reglementieren (vgl. Möser 2022, 95-107). So wird die erste Iteration des heutigen code de la route bereits 1897 als règlement grand-ducal publiziert. Erst ab 1903 wurde dann auch der Führerschein obligatorisch (vgl. Spang und Keiser 1982, 13). Gut 25 Jahre danach beschwert sich Weber noch immer über Rücksichtslosigkeiten im Verkehr und mangelnde Kompetenz der Fahrer. Das Kulturinstrument Automobil scheint weniger effizient als vom Optimisten Weber angenommen.

Die gesellschaftlichen Umbrüche, die das Automobil angestoßen hat, zeigen sich frühzeitig auch in anderen Lebensbereichen, nicht zuletzt in einem von Webers bevorzugten Sujets, dem Sport. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit des Landes organisierte der 1932 gegründete Nouvel Automobile Club du Grand-Duché de Luxembourg am 4. Juni 1939 das erste Autorennen Luxemburgs auf einer geschlossenen Rundstrecke. Der Prix du Centenaire, der aufgrund der Teilnahme renommierter Fahrer aus dem Ausland medial stark rezipiert wurde, startete am Findel (Flughafen), durchquerte Neudorf und Kaltgesbrücke, um anschließend in einer Schleife zum Flughafen zurückzukehren. Das historische Motorsportevent nimmt Weber zum Anlass, um über das Wesen des Sports zu reflektieren. Analog zur Fischerei interpretiert er das Autorennen als neuartige, vom technologischen Fortschritt geprägte Form des Sports:

„Freilich braucht es ein gut Teil Gewandtheit in der Handhabung des Steuers, und der Mann, der es führt, sucht ja schließlich auch seine Belustigung im Sieg über seine Konkurrenten, aber dies todesgefährliche Aufpassen in der Krummen wie in der Gerade hat doch wenig zu tun mit dem Sport, unter dem wir früher Pferderennen, Rudern, Tennis, Fußball, Turnen usw. verstanden. Sagen wir, der Sport hat sich vergeistigt, im Gegensatz zu so vielem andern, das sich aus dem Geistigen heraus arg vergröbert hat.“ (AK 3. Juni 1939)

Spinnt man Webers Narrativ der „Vergeistigung“ des Sports weiter – also von der Muskelkraft des Menschen hin zur geschickten Manipulation von Maschinen –, steht am Ende dieser Entwicklung der heute aufstrebende E-Sport, in dem der sportliche Wettkampf in einen rein virtuellen Raum verlegt wurde. Es bleibt offen, wie Weber diesen gesellschaftlichen Wandel interpretiert. Einerseits scheint er den Verlust traditioneller Werte im Sport zu bedauern, andererseits lässt der Schlusssatz durchaus auch eine positive Einordnung der „Vergeistigung“ zu. Auch hier entpuppt sich Weber als ein Autor im Widerstreit mit sich selbst, dessen Werk plakative Schwarz-Weiß-Malerei konsequent umschifft.

Das Automobil trägt nicht nur zur Geburt einer neuen Sportart bei, es hat auch prägenden Einfluss auf andere populäre Sportereignisse, wie Weber 1930 missmutig zu berichten weiß. Ein Fahrradrennen mit Tour-de-France-Gewinner Nicholas Frantz wird durch das hohe Verkehrsaufkommen in den Straßen gestört: „Und dann verstopfte sich die ganze Fahrbahn mit den Autos, die darauf nichts verloren hatten, die man ein Kilometer vor dem Zielband unbedingt hätte heraustun müssen. […] Es blieb für die Fahrer eine meterbreite Rinne, durch die sie sich ans Ziel heranspurten müssen.“ (AK 24. Juli 1930)

Hier prangert Weber einmal mehr die Omnipräsenz der Automobile im öffentlichen Raum an. Das Risiko für Sportler und Passanten wird der Bequemlichkeit der neuen automobilen Elite untergeordnet.

Massentransportmittel als soziale Räume der Moderne

Nicht nur das Auto, als Sinnbild des modernen Individualismus, ist Motor neuer gesellschaftlicher Verschiebungen. Auch Massentransportmittel, die seit den 1870er Jahren, in Gestalt der Pferdebahn, auf engstem Raum die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen lassen, sind mitunter Schauplatz kurioser sozialer Interaktionen. In den 1930er Jahren hat sich indes der Bus als neuartiges Transportmittel des Volkes in Luxemburg durchgesetzt. Als hintersinniger Satiriker lässt Weber keine Gelegenheit aus, diese neuen sozialen Räume mit gekonnt eingesetzten literarischen Stilmitteln zu sezieren. So nimmt seine humoristische Beschreibung einer zusammengewürfelten Busgemeinschaft in ihrer absurden Tragikomik Samuel Becketts Waiting for Godot (1946) vorweg. Hauptmotiv ist auch hier das Warten. „Et könnt nach ähn“, so beginnt das Schauspiel (AK 24. Februar 1939). Ein halbes Dutzend Passagiere sitzen im Bus und warten auf einen mysteriösen letzten Mitreisenden: „Damit war die Reisegesellschaft in den Zustand des Wartens versetzt, der in seinem ersten Stadium immer mit Neugier gepaart ist. Wenn noch einer kommen soll, ist man immer mehr oder weniger darauf gespannt, was es denn für einer sein soll.“ (ebd.) Analog zu Godot wird hier also eine Erwartungshaltung aufgebaut, die schlussendlich nie aufgelöst wird. Gleichzeitig wird deutlich, dass die neuen Massentransportmittel das Individuum in seiner Freiheit einschränken und Rücksicht auf andere Menschen erzwingen. Diese neue, vor Einführung der Massentransportmittel kaum denkbare Situation nutzt Weber, um mit wenigen Strichen ein humoristisches Porträt der Luxemburger Gesellschaft zu skizzieren: vom grantigen, älteren Herrn, der niemand neben sich sitzen haben möchte, über den genervt hupenden Busfahrer, bis hin zu dem neugierigen Mädchen, das schließlich enttäuscht feststellen muss: „Et könnt jo kähn!“ (ebd.) Es entbehrt indes nicht einer gewissen Ironie, dass die Moderne, das Zeitalter der Akzeleration, so nachhaltig vom Warten geprägt wird, sei es im Bus, am Flughafen oder im Stau. Nicht die kontinuierliche Bewegung, sondern der aufgezwungene Stillstand scheint die zentrale neue Erfahrung der Moderne zu sein, ein ambivalenter Hybridraum zwischen Hoffnung und Frustration, wo die Zeit sich subjektiv beschleunigt, während der Mensch stagniert.

Wie eng Massentransportmittel mit dem Alltag des modernen Menschen verbunden sind und welche mitunter kuriosen emotionalen Bindungen sich dadurch entwickeln können, reflektieren die zahlreichen Kosenamen, die die Passagiere den Zug- und Bahnstrecken im Land gaben. So wird der Autobus, der Grevenmacher mit Remich verband, Willy getauft, benannt nach dem ersten Fahrer der Strecke. „Ein rollendes Denkmal“, schreibt Weber, „das nicht auf einem öffentlichen Platz oder einem Friedhof steht, sondern täglich ein paarmal seine rund zwanzig Kilometer hin- und herrollt und hundertmal den Namen wachruft, der ihm untrennbar anhaftet.“ (AK 8. Oktober 1933) Auch Prënz, Charly oder Jangeli zeigen, wie bereitwillig die Luxemburger Bevölkerung die Maschinen anthropomorphisiert. Sie sind mehr als nur Transportmittel – ihre immergleichen Fahrpläne strukturieren den Alltag der Passagiere, gleichzeitig sind sie positiv konnotierte Symbole des Fortschritts und sogar des Nationalstolzes, man denke nur an Michel Lentzs Hymne an die Eisenbahn, De Feierwon. Weber fängt diese überraschend emotionale Beziehung zwischen Menschen und Maschine in einer humoristischen Passage über Willy ein:

„Und dann plötzlich leuchtet es auf dem Scheitel der Weinberghöhen auf, strahlend, siegreich, sonnenhaft, und merkwürdig nahe, trotzdem die Erscheinung eine halbe Stunde Weges entfernt aufgetaucht ist. So unüberwindlich und alles überwindend ist diese lichtgewordene Kraft. Und einer sagt: Der Willy kommt.“ (AK 8. Oktober 1933)

Die hyperbolische, mit großem stilistischem Aufwand beschriebene Szene lässt Webers augenzwinkernde Ironie durchschimmern.

4. „Die Toten reisen schnell“: der Autounfall als prototypische Kontingenzerfahrung der Moderne

„In der Weise, wie die Seefahrt seinerzeit die Katastrophe des Schiffbruchs mit sich gebracht hatte [...], hat der beschleunigte Verkehr eine neue Katastrophe, den Zusammenstoß, herbeigeführt und entwickelt: das heißt, das unvorhergesehene Verschwinden eines Fahrzeugs in einem anderen.“ (Virilio 1989, 144f.) So charakterisiert Paul Virilio den Autounfall, als modernen Schiffbruch der Geschwindigkeit. Das Automobil hat demnach seine eigene Katastrophe gleich miterfunden. Im Rückgriff auf Foucaults Heterotopiethese kann nun geschlussfolgert werden: Wenn das Automobil mit Motiven der Selbstbestimmung, Freiheit und Individualität verknüpft wird, stellt der Autounfall die Dekonstruktion jener Werte dar, eine Dekonstruktion, die a priori einen bestimmenden Bestandteil der Heterotopie ausmachte: Automobilität ohne Unfälle ist nicht denkbar. Dies zeigt sich auch in den ersten literarischen Beschreibungen der automobilen Moderne (vgl. Shields 2022, 73-84). Nicht zufällig lässt etwa Robert Musil seinen Gesellschaftsroman Der Mann ohne Eigenschaften mit einem Verkehrsunfall beginnen: „Schon einen Augenblick vorher war etwas aus der Reihe gesprungen, eine quer schlagende Bewegung; etwas hatte sich gedreht, war seitwärts gerutscht, ein schwerer jäh gebremster Lastwagen war es, wie sich jetzt zeigte, wo er mit einem Rad auf der Bordschwelle gestrandet war.“ (Musil 2008, 10)

Auffällig ist einerseits der erneute Rückgriff auf eine maritime Metapher (der Lastwagen ist „gestrandet“), andererseits die Charakterisierung des Unfalls als vorhergehendes „etwas“, das erst im Nachhinein sichtbar wird. Das Unfallgeschehen selbst wird nicht beschrieben, kann nicht beschrieben werden, da der Schiffbruch der Geschwindigkeit die Sinneskapazitäten des Beobachters übersteigt. Nur die Konsequenzen sind für das menschliche Auge wahrnehmbar. Dass Unfälle bereits damals zur Tagesordnung gehörten, impliziert auch der doppeldeutige Titel des ersten Kapitels: „Woraus bemerkenswerterweise nichts hervorgeht.“ (ebd., 9) Auch in Webers Texten wird Automobilität immer im Tandem mit Unfällen im Allgemeinen und dem Tod im Spezifischen gedacht. Im Feuilleton vom 24. März 1922 findet Weber eine prägnante Metapher, um die ambivalente Beziehung zwischen Automobil und Tod aufzudecken. Ausgangspunkt ist hier ein Leichenwagen, der durch die Straßen fährt – damals noch ein ungewöhnliches Bild, dem, in Webers Auslegung, eine inhärente Kontradiktion innewohnt. Er nimmt den Tod als etwas Erhabenes, Altertümliches und Behäbiges wahr. Das Automobil, als Sinnbild der Geschwindigkeit und Modernität, ist hier fehl am Platz: „Was alt, tot, langsam sein sollte, wird jung, lebhaft, schnell“ (AK 24. März 1922). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass in den Folgejahren gerade eben jene scheinbaren Gegensätze (Automobil und Tod) eine tragische Verbindung eingehen werden, wie Weber selbst feststellt. „Wir haben für die letzten sieben Wochen acht tödliche Automobil-Unfälle zu verzeichnen“, schreibt Weber 1931 und diagnostiziert eine neue gesellschaftliche Pandemie: den Autounfall (AK 17. Juli 1931). Wären acht Menschen an Pocken oder Cholera verstorben, würden sofort die nötigen Schritte zur Eindämmung eingeleitet, argumentiert Weber. Autounfälle aber werden stillschweigend akzeptiert, sie haben sich erstaunlich schnell als Teil des automobilen Alltags etabliert.

Im Kontext der Verkehrssicherheit ist für Weber eine Frage ausschlaggebend: Wer darf sich hinters Steuer setzen? „Um einen Autoführerschein zu erwerben, brauche ich nur zu beweisen, daß ich einen Wagen vorwärts und rückwärts und um die Ecke steuern kann. Niemand kümmert sich darum, ob es nicht etwa mit meinen Nerven hapert, ob ich nicht öfter […] eins über den Durst trinke“ (ebd.). Weber kritisiert hier die laxen Sicherheitsvorschriften, die nur Fahrtechnik, aber nicht Persönlichkeit und psychologische Verfassung des Fahrers berücksichtigen. An anderer Stelle attackiert der Feuilletonist die Risiken für Fußgänger im Stadtverkehr mit den Mitteln der Satire. Um die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Automobilisten und Fußgängern anzuprangern, schreibt er einen fiktiven Brief an den procureur d’Etat mit der Bitte, eine Waffe tragen zu dürfen, wenn er vor die Tür geht. Autos seien ungleich gefährlichere Waffen als Revolver. Im Falle eines Unfalls wolle er sich verteidigen können. Hinter der Ironie versteckt sich eine fühlbare Frustration über die laxen Sicherheitsvorkehrungen und die allgemeine Indifferenz der Öffentlichkeit gegenüber den Verkehrsopfern. (Vgl. AK 31. Oktober 1930) Diese gesellschaftliche Hypokrisie erklärt dann auch Webers kritische Haltungen gegenüber dem ungebrochenen Fortschrittsglauben seiner Zeit. „Was man die modernen Errungenschaften nennt; die bekommen wir, scheint’s, nur selten gratis“, schreibt er am 11. Oktober 1931 und führt u.a. die Entdeckung des Radiums und eben das Automobil als Beispiele an (AK 11. Oktober 1931). Hier entpuppt sich Weber zwar nicht etwa als Fortschrittsskeptiker, aber doch als ernüchterter Realist, der sich von der Technikbegeisterung seiner Zeit nicht mitreißen lässt. In seinen Worten spiegelt sich die Erkenntnis, dass jeder gesellschaftliche Fortschritt auch gesellschaftliche Opfer mit sich bringt.

Von einem soziologischen Standpunkt ist es auch erhellend zu analysieren, wie Autounfälle in den Luxemburger Medien beschrieben werden:

„Ein schwacher Trost ist es übrigens, bei einem Autounfall zu wissen, wodurch er veranlasst wurde. Am beliebtesten sind in dieser Beziehung: Versagen der Steuerung, geplatzter Vorderreifen, Schleudern des Wagens. Man weiß ganz genau Bescheid. Und trotzdem hat immer wieder ein Wagen geschleudert, ist immer aufs Neue ein Vorderreifen geplatzt, hat immer aufs Neue eine Steuerung versagt.“ (ebd.)

Der Autounfall wird als Ausnahme von der Regel dargestellt, als technischer Fehler, der zwar theoretisch behoben werden kann, sich in der Praxis jedoch immer wieder wiederholt. Das, was das Automobil symbolisiert, Herrschaft über Raum und Zeit, wird vom Unfall negiert. Ist der naive Fortschrittsglaube, den Weber seinen Zeitgenossen diagnostiziert, also nicht einfach nur eine Bewältigungsstrategie, um diese neue Kontingenzerfahrung der Moderne zu verarbeiten? Man muss an die Ausnahme, den Zufall glauben, um sich sicheren Gewissens in ein Automobil zu setzen. Indes zeigen die Zahlen, dass Unfälle beileibe keine statistischen Ausreißer sind, sondern konstitutiver Teil des Systems.

Bisweilen greift Weber auch auf schwarzen Humor zurück, um auf das Ausmaß der Problematik aufmerksam zu machen. Sarkastisch fragt er, ob Verkehrsopfer, genau wie Kriegsopfer, helfen könnten, die Überbevölkerung zu bekämpfen: „Der Krieg ist ja kein Dauerzustand, es gibt ja zuweilen auch noch Friedenspausen. Das Auto aber arbeitet jahraus jahrein ohne Unterlaß, liefert seine Leichen sozusagen am laufenden Band.“ (ebd.) Hier bedient sich Weber geschickt der rhetorischen Mittel des Satirikers, um seine Argumente zu untermauern und die Leser auf einer emotionalen Ebene zu erreichen.

Diese radikalen Überlegungen sind für Weber keine graue Theorie. In einem Feuilleton aus dem Jahr 1933 beschreibt er, wie er fast selbst Opfer eines Verkehrsunfalls wurde: „Wer das Aufpassen verlernt, hat heute kein Recht mehr auf Dasein. […] Die Straße ist heute der Ort, wo töten kein Mord mehr ist und wo du nach dem unerbittlichen Gesetz eines neuen Kampfes ums Dasein dein Leben durch pausenloses Aufpassen verdienen mußt.“ (AK 25. Januar 1933)

Hier knüpft Weber an einen Diskurs an, der auch im Ausland produktiv ist. Der österreichische Autor Arnolt Bronnen etwa stellt 1930 in seinem Artikel „Moral und Verkehr“ fest: „Der Verkehr begann als Luxus, und er endete als Terror. […] Stellen wir uns in einige Distanz: und Straßen, Autos, Ampeln, Zusammenstöße erscheinen uns als Lehrfächer eines neuen Unterrichts; gelehrt in einer Hochschule der Moral“ (Bronnen 1989, 125). Er sieht den alltäglichen Gang zur Arbeit als „Unterordnung unter den Organismus dieser ungeheuren Stadt“ und stellt lakonisch fest: „Wer sich nicht unterordnen will, der kommt unter die Räder.“ (ebd., 128)

Nicht nur in den Unfallstatistiken und dem Lokalteil der Zeitungen, auch im Straßenverkehr selbst hinterlässt der Tod seine Spuren: „Unsere Straßen entlang stehen durch das ganze Land die Totenbäume“ (AK 25. Februar 1937). So bezeichnet Weber jene Baumstümpfe, gegen die ein Automobil gefahren ist: „eine Todesmahnung unter vielen. […] [A]us dem Baum wird die knöcherne Gestalt, als die uns der Tod erscheint“, fährt er fort (ebd.). In diesem prägnanten Bild erinnert die Straße an eine andere Heterotopie, die Foucault in seinem Werk definiert hat, nämlich den Friedhof.

Die Todesmotivik wird in einer anderen Alltagsbeobachtung Webers weiterentwickelt. Hier beschreibt der Feuilletonist die Metallwracks der zerstörten Autos am Straßenrand. Diese „Autoskelette“, wie Weber sie nennt, gehören zum alltäglichen Straßenbild Luxemburgs in den 1920er und 30er Jahren: „Dicht am Rand einer unserer verkehrsreichsten Landstraßen steht seit Jahr und Tag das Skelett eines Personenautos.“ (AK 3. Oktober 1940) Weber interpretiert diese Schrottskulpturen als „Mahnmale“, die den naiven Fortschrittsglauben der Zeit als Illusion entlarven: „Wer je an einem Auto-Unfall beteiligt war, wird an dem Skelett am Straßenrand nicht vorbeikommen, ohne daß ihm jener aufregende Augenblick wieder mit seiner ganzen momentanen Schlagkraft durch alle Glieder fährt.“ (ebd.) Weber ist sich der traumatischen Erfahrung, die jeder Unfall darstellt, nur allzu bewusst.

Manchmal aber trügt der Schein. Nicht immer sind die rostenden Metallkörper am Straßenrand Überbleibsel eines Zusammenstoßes. Oft war der Besitzer ihrer einfach leid, weil sie defekt waren oder durch ein neueres Modell ersetzt wurden. Wenn der schnittige Sportwagen, der auf dem Cover von Webers Lieblingsmagazin L’Illustration prangt, die eine Seite des automobilen Traums darstellt, dann spiegeln die Schrotthaufen am Straßenrand die andere. Als wirkmächtigste Heterotopie des 20. Jahrhunderts verdichten und zeigen sich im automobilen Raum sowohl Fortschritts- und Individuationsutopien als auch wohlstandsgesellschaftliche Exzesse der Moderne, deren Nachwirkungen bis heute prägend sind. Beide Seiten der Heterotopie werden in Webers Feuilletons ausgeleuchtet und kritisch hinterfragt. Während die Mehrheit der Luxemburger Bevölkerung sich wohl von der Utopie der Automobilität blenden ließ, thematisiert Weber überraschend früh die Schattenseiten der Transportrevolution: Er kritisiert die gesamtgesellschaftliche Beschleunigung des Alltags und den elitären Charakter des Automobils genauso wie die daraus resultierenden Gefahren für weniger betuchte Fußgänger. Zugleich ist er sich der revolutionären Verve des Automobils bewusst und zeigt sich fasziniert von den technologischen und sozialen Neuerungen, die es mit sich bringt: von den ästhetischen Qualitäten des Autodesigns über das Aufblühen des (automobilen) Tourismus bis hin zu neuen „vergeistigten“ Sportarten.

Literaturverzeichnis

  1. Bickenbach, Matthias, und Michael Stolzke. Die Geschwindigkeitsfabrik. Eine fragmentarische Kulturgeschichte des Autounfalls. Kadmos, 2104.
  2. Bronnen, Arnolt. Sabotage der Jugend. Kleine Arbeiten 1922-1934. Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck, 1989.
  3. Spang, Paul, und Paul Keiser. 1907-1982: 75 Joer „Führerschein“. Commémoration du 75e anniversaire du 1er permis de conduire: 7 janvier 1907-7 janvier 1982: exposition rétrospective au Centre administratif du Forum Royal, janvier 1982. O.V., 1982.
  4. Foucault, Michel. Die Heterotopien – Les hétérotopies. Der utopische Körper – Le corps utopique. Zwei Radiovorträge. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Suhrkamp, 2013.
  5. Gilles, Peter, und Anne-Marie Millim (Hrsg.). Abreißkalender. Das Feuilleton von Batty Weber in der Luxemburger Zeitung, 1913 bis 1940 [digitale Datenbank]. 2017. https://battyweber.uni.lu. Zugriff am 1. Mai 2025.
  6. Hoffmann, Jean-Paul. „Die Stadt Luxemburg und das Automobil. Eine Jahrhundertgeschichte.“ Ons Stad (70), 2002, S. 2-11.
  7. Möser, Kurt. Über Mobilität. Historisches zu Techniken, Kulturen und Utopien der Fortbewegung. Waxmann, 2022.
  8. Musil, Robert. Der Mann ohne Eigenschaften. Band 1. 23. Auflage. Rowohlt, 2008.
  9. Rosa, Hartmut. Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne. Suhrkamp, 2005.
  10. Shields, Ross. „Motivating Accidents. Car Crashes in Literature and Film“. Im Fuhrpark der Literatur. Kulturelle Imaginationen des Autos, herausgegeben von Gwendolin Engels, Claude Haas, Dirk Naguschewski und Elisa Ronzheimer. Wallstein, 2022.
  11. Virilio, Paul. Der negative Horizont. Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung. Aus dem Französischen von Brigitte Weidmann. Hanser, 1989.
  12. Virilio, Paul. Geschwindigkeit und Politik. Aus dem Französischen von Ronald Vouillé. Merve, 1980.
  13. Wenzlhuemer, Roland. Mobilität und Kommunikation in der Moderne. Vandenhoeck & Ruprecht, 2020.

Umierkungen

  1. 1 Die Sigle AK steht für den Abreißkalender von Batty Weber, hier und nachfolgend zitiert nach Gilles und Millim 2017.
  2. 2 Eine identische Argumentation findet sich zwanzig Jahre früher in der Luxemburger Zeitung (13. Mai 1914, Abendausgabe, S. 4).
  3. 3 Vgl. u.a. AK 7. November 1914; 4. Januar 1919; 9. Juni 1920; 9. März 1922; 3. April 1924; 9. April 1931; 30. Januar 1938; 15. Oktober 1938; 16. Januar 1940.
  4. 4 So erklärt Jim Smiley (1919, 58) den Einsatz für das Luxemburgische bei den Anhängern der sprachnationalistischen Bewegung Jong Lëtzebuerg mit mangelnden Sprachkenntnissen und fügt hinzu: „Wer will einem einfachen, dummen braven Hund übel nehmen, daß er ‚nur‘ bellen kann?“
  5. 5 Zur Unterscheidung der Begriffe Sprachpatriotismus und Sprachnationalismus vgl. Gardt 2000, 248.
  6. 1 Die Sigle AK steht für den Abreißkalender von Batty Weber, hier und nachfolgend zitiert nach Gilles und Millim 2017.
  7. 2 Jean Koppes (1843-1918) wurde 1883 zum zweiten Bischof von Luxemburg geweiht. Seine „streng antimodernistische“ Haltung und Ablehnung des Schulgesetzes von 1912 führte zum offenen Konflikt mit der Regierung (Malget 1999).
  8. 3 Jean Origer (1877-1942) war Priester, ab 1905 Redakteur und ab 1920 Direktor des Luxemburger Worts. Er war von 1925 bis 1940 Parlamentsabgeordneter und von 1934 bis 1940 Präsident der Rechtspartei, die er 1914 mitgegründet hatte. Er wurde 1942 von den Nationalsozialisten verhaftet und starb im KZ Dachau (vgl. Hausemer 2006).
  9. 4 Pierre Nommesch (1864-1935) wurde 1920 zum dritten Bischof von Luxemburg ernannt nach einer Sedisvakanz von 15 Monaten aufgrund der innen- und außenpolitisch unsicheren Lage. Bekannt für seine Marienverehrung gelang es ihm durch das katholische Presse- und Vereinswesen und dank des allgemeinen Wahlrechts, die politische Einflussnahme der Kirche auszubauen und 1921 z.B. eine Reform des Schulgesetzes zu bewirken (vgl. Malget 1993).
  10. 5 Die Volkszählung von 1935 hatte in der Tat einen Prozentsatz von 95,8 ergeben (vgl. STATEC 1990, 574).
  11. 6 Loi du 2 août 1939 sur la protection de l’enfance/Gesetz vom 2. August 1939 betreffend den Jugendschutz, vgl. o.A. 1939.
  12. 7 Gemeint ist das Gesetz vom 29. Dezember 1937: „permettant d’interdire l’entrée au Luxembourg de publications étrangères obscènes“.
  13. 1 Je tiens à remercier chaleureusement Sébastian Thiltges de la manière collégiale et efficace dont nous avons préparé cette intervention. Sans ses connaissances dans le domaine de l’écocritique et sans les échanges stimulants que nous avons eus au cours des dernières années, également dans le cadre d’autres interventions communes, ce texte n’aurait pas vu le jour. C’est donc en tant que pluriel authentique renvoyant à notre réflexion commune qu’on lira ici le pronom personnel « nous ». Ma reconnaissance va aussi à Olga Roster, qui, dans le cadre d’un stage effectué au Centre national de littérature, a largement contribué à la recherche par mots-clés dans la version électronique de l’Abreißkalender.
  14. 2 Mot signifiant « costaud, sacré morceau ». Voir le dictionnaire de luxembourgeois en ligne (LOD) sous https://lod.lu/artikel/BATTI1. Consulté le 1er mai 2025.
  15. 3 « Avoir une conduite déplacée, exagérer, déconner ». Voir https://lod.lu/artikel/BATTI1. Consulté le 1er mai 2025.
  16. 4 Voir, pour la traduction « frimeur », https://lod.lu/artikel/TUTEBATTI1, consulté le 1er mai 2025, et, pour des emplois relativement récents au sens propre et sans connotation négative, le projet Olympiad vun den Tutebattien organisé dans différentes écoles de musique de l’Union Grand-Duc Adolphe et décrit entre autres dans la brochure E Bléck an eis Gemeng édité par l’administration communale d’Esch/Sûre en février 2019, p. 36 (sous https://esch-sur-sure.lu/wp-content/uploads/2021/04/Bleck_2-2019-light.pdf, consulté le 19 juin 2025), ainsi que le disque compact Den Tutebatti de Romy Grandgenet et Ralph Kilburg.
  17. 5 On trouve le mot « écologie » dans un compte rendu signé F.S. d’un ouvrage de Victor Ferrant publié dans le Bulletin de la Société des naturalistes luxembourgeois de décembre 1926 (https://viewer.eluxemburgensia.lu/ark:70795/xwsgb2/pages/30/articles/DTL208, numérisé par la Bibliothèque nationale du Luxembourg, consulté le 1er mai 2025). Son équivalent allemand, « Oekologie », apparaît dans le même périodique dès 1911 (https://viewer.eluxemburgensia.lu/ark:70795/9r5qtd/pages/15/articles/DTL129, numérisé par la Bibliothèque nationale du Luxembourg, consulté le 1er mai 2025).
  18. 6 On trouve notamment le terme « Ökologie » au sens de « protection de l’environnement » dans l’annonce d’un congrès de l’association européenne Ardennen-Eifel publiée dans le Luxemburger Wort le 27 mai 1959. Voir sous https://viewer.eluxemburgensia.lu/ark:70795/fxr3brjq3/pages/5/articles/DIVL392 (numérisé par la Bibliothèque nationale du Luxembourg).
  19. 7 Voir Radkau 2011, le titre du premier chapitre : « Spurensuche im Öko-Dschungel – Umweltschutz denken », en particulier pp. 7-37. En l’absence de toute autre précision, les traductions françaises de termes ou de parties de phrases apparaissant dans des textes allemands sont dues à l’autrice de cet article.
  20. 8 Voir Millim 2017a. Pour désigner les contributions de Batty Weber au quotidien Luxemburger Zeitung sous le titre Abreißkalender (« éphéméride »), nous employons ici le terme « chronique ». Sur la question du genre, voir l’article précité d’Anne-Marie Millim, ibid., pp. 96-107.
  21. 9 Voir à ce sujet Choné 2019 ; sur l’écrocritique et l’écopoétique françaises, voir entre autres Posthumus 2016 ; Schoentjes 2015 ; 2021.
  22. 10 Voir les développements de Josiane Weber dans Weber 2001, pp. 445s.
  23. 11 Toutes les références à la chronique Abreißkalender de Batty Weber renvoient à l’édition mise en ligne par l’Université du Luxembourg (https://battyweber.uni.lu). Le sigle AK sera suivi de la date de publication.
  24. 12 Sur l’histoire de la protection des forêts, voir notamment Chalvet 2021a ; 2021b ; voir aussi Thiébault 2023.
  25. 13 Voir Chambre des députés 5 mai 1927, pp. 1748-1780. Sur cette loi et la naissance des idées proto-écologiques au Luxembourg, voir Sunnen 2020, en particulier pp. 200-204. Sur l’argumentaire au service de la patrimonialisation de certains sites luxembourgeois, voir aussi Weny 2014.
  26. 14 L’arbre est alors perçu lui-même comme un objet digne d’admiration (cf. AK 2 juillet 1933) ou comme un élément décoratif contribuant à l’harmonie du paysage
    (cf. AK 7 juillet 1938).
  27. 15 En particulier dans Roger 1978. Voir aussi Lieb 2017, p. 63.
  28. 16 Sur les débuts de la protection des oiseaux au Luxembourg, voir entre autres Rinnen 1970 ; Melchior 1995 ; 2020. Voir aussi Massard 1990, pp. 99-102 et Sunnen 2020, pp. 198-200.
  29. 17 Fondée en 1920, cette société est l’ancêtre de l’ancêtre de l’actuelle Fondation Natur & Ëmwelt.
  30. 18 En français dans le texte allemand.
  31. 19 AK 3 septembre 1927. À l’annonce que la chasse à la grive sera interdite, M. Erpelding avait répondu : « Dann müssen sich die Feinschmecker in Zukunft dieselben aus Belgien kommen lassen. » (Chambre des députés 31 mai 1927, p. 1889).
  32. 20 AK 3 septembre 1927. Voir les paroles du rapporteur, M. Ludovicy : « Die Natur sorgt im großen Ganzen schon selbst dafür, daß überall das zuviel eingedämmt, und das zu wenig ausgeglichen wird. Wenn man die Natur aus der Nähe beobachtet, so kann man feststellen, daß sie selbst für sich sorgt, und daß die Gesetzgebung so wenig wie möglich eingreifen soll. » (Chambre des députés 31 mai 1927, p. 1886).
  33. 21 Le proverbe amérindien, attribué à différents auteurs : « Lorsque le dernier arbre aura été abattu […] on saura que l’argent ne se mange pas. »
  34. 22 En France, cette interdiction a été obtenue grâce à l’engagement de la SPA dès la fin du XIXe siècle. Voir Jeannerod 2022, p. 252.
  35. 23 Voir les propos de M. Flesch : « Soyons humains et bons pour les animaux » (Chambre des députés 31 mai 1927, p. 1892).
  36. 24 Cf. AK 18 mars 1928, où il est également fait allusion à la loi sur la protection des oiseaux.
  37. 1 Die Sigle AK steht für den Abreißkalender von Batty Weber, hier und nachfolgend zitiert nach Gilles und Millim 2017.

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