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Wissenschaftstracking und Lock-in-Effekt: Einleitung

Wissenschaftstracking und Lock-in-Effekt
Einleitung
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Notes

table of contents
  1. Umschlagsbild
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Logos
  5. Danksagung
  6. Inhalt
  7. Abbildungen
  8. Tabellen
  9. Einleitung
  10. 1. Digitale Souveränität
  11. 2. Lock-In I Zeitschriftenkrise
  12. 3. Lock-In II Institution – Elsevier und RELX
  13. 4. Lock-In II Institution – Tracking
  14. Schluss
  15. Literatur
  16. Anhänge

Einleitung

Internationale Großverlage bzw. Medienkonzerne profitieren enorm von der Digitalisierung an der Schnittstelle zwischen Publikationswesen und Wissenschaftsevolution (Holzer, 2022, 164). Sie profitieren, obwohl Wissenschaftler:innen und Institutionen mit ihren Leistungen und Geschäftspraktiken zunehmend unzufrieden sind: “Five for-profit publishing companies—Elsevier, Springer Nature, Wiley Blackwell, Taylor and Francis, and Sage Publications—dominate the market, generating more than 50 percent of revenues (over $7 billion in 2022) with profit margins up to 38 percent—higher than big tech companies.” (Gulliver & Drake, n.d.) Verschiedene Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die Situation im wissenschaftlichen Publizieren und zunehmend im gesamten Wissenschaftssektor negativ beeinflusst und führen langsam dazu, das „Sondermilieu Wissenschaft aufzulösen“ und in die Datenökonomie der Web-Konzerne zu integrieren (Siems, 2024c). Dazu zählen neben der genannten Marktkonzentration vor allem etablierte Strukturen im wissenschaftlichen Publizieren, die einseitig die großen Konzerne begünstigen und zu Pfadabhängigkeiten bei Wissenschaftsorganisationen geführt haben. Das asymmetrische und „staggeringly profitable“ Modell wissenschaftlichen Publizierens beschreibt Stephen Buranyi in The Guardian:

[S]cientific publishers manage to duck most of the actual costs. Scientists create work under their own direction – funded largely by governments – and give it to publishers for free; the publisher pays scientific editors who judge whether the work is worth publishing and check its grammar, but the bulk of the editorial burden – checking the scientific validity and evaluating the experiments, a process known as peer review – is done by working scientists on a volunteer basis. The publishers then sell the product back to government funded institutional and university libraries, to be read by scientists – who, in a collective sense, created the product in the first place. (Buranyi, 2017)

Zugleich haben sich die Erwartungen an positive Strukturveränderungen durch Open Access nicht bestätigt. Die Konzerne haben mit APCs (Article Processing Charges), die ein Vielfaches der tatsächlichen Kosten betragen und mit Transformationsverträgen Geschäftsmodelle für sich gefunden, die für sie nicht weniger lukrativ sind als die Subskriptionsmodelle. Zugleich werden damit die Abhängigkeiten der Wissenschaftseinrichtungen auf internationaler oder gar globaler Ebene in die Zukunft zementiert:

Global systems for research publishing are in bad shape. In 2022, the five biggest publishers had a combined revenue of US$7.7 billion, with profit margins of up to 38 percent. They made only 31 percent of their articles Open Access (without paywall) and only 25 percent of their journals were fully Open Access. The median publication charge was $2,860 but could be as high as $11,690. (Drake et al., n.d.)

Competition in the scholarly publishing market is inhibited by the non-substitutability of journals, lack of transparency and high levels of market concentration. Meanwhile, the revenue gap between subscription and OA business models limits the rate of transition. The case for market intervention rests on the status of scientific knowledge as a public good, disseminated by private actors. (Johnson et al., 2017, 27)

Hinzu kommen interne Transformationen der einstigen Großverlage zu Datenanalyse- und Brokering-Konzernen, deren Geschäftsmodelle auf der Sammlung und Verwertung von Daten beruhen. Diese Daten sammeln die Konzerne durch Interaktionen mit Wissenschaftler:innen und wissenschaftlichen Einrichtungen, aber auch auf anderen Wegen. Folgendes Zitat Jeff Pooleys umreißt die digital-politische Dimension der Problematik und nennt zwei Schlüsselwerke der letzten Jahre in der Diskussion digitaler Überwachungs- und Brokering-Ökonomie, Sarah Lamdan mit Data Cartels (2022) und Shoshanna Zuboffs The Age of Surveillance Capitalism (2019):

Elsevier and the other big publishers are, to borrow Sarah Lamdan’s phrase, data cartels. I’ve called this drive to extract profit from researchers’ behavior surveillance publishing—by analogy to Shoshana Zuboff’s notion of surveillance capitalism, in which firms like Google and Meta package user data to sell to advertisers. The core business strategy is the same for Silicon Valley and Elsevier: extract data from behavior to feed predictive models that, in turn, get refined and sold to customers. In one case it’s Facebook posts and in the other abstracts and citations, but either way the point is to mint money from the by-products of (consumer or scholarly) behavior. One big difference between the big tech firms and the publishers is that Google et al entice users with free services like Gmail: If you’re not paying for it, the adage goes, then you’re the product. In the Elsevier case we’re the product and we’re paying (a lot) for it. (Pooley, 2024)

Die Open-Access-Transformation ist ein dominierendes Thema im wissenschaftlichen Publikationsfeld, das hier nur in Auszügen diskutiert wird, die der gesamten Komplexität und Ambivalenz nicht gerecht werden können. Die vorliegende Arbeit betrifft nur einen Aspekt der Transformation und zwar den Abschluss des dritten bundesweiten Transformationsvertrags (DEAL-Vertrag) im September 2023 (bis Ende 2028) mit Elsevier. Der DEAL-Vertrag wurde nach einem jahrelangen Elsevier-Boykott der deutschen Einrichtungen geschlossen, der Abschluss wurde durchaus kritisch gesehen.1 Es gibt zahlreiche diskussionswürdige Aspekte des Vertrags, die an anderer Stelle zu besprechen wären bzw. bereits besprochen werden. Mir dient der DEAL-Vertrag als ein Anlass dafür, einen übergeordneten Fragenkomplex zu beleuchten: Einerseits, wie das aktuell diskutierte Thema des umfassenden und invasiven Trackings der einstigen Wissenschaftsverlage, am Beispiel Elseviers, in den Datenschutz-Konditionen des DEAL-Vertrags umgesetzt wurde. Hier gibt es Gründe zur Annahme, dass es sich um eine unglückliche Umsetzung handelt. Dies spiegelt die bisher fehlende Adressierung des Datentracking in Lizenzverträgen wider, jedenfalls laut der Einschätzung des AWBI (Altschaffel et al., 2024, 27):

In den meisten der jüngeren Verträge zwischen Verlagen und Bibliotheken behalten sich die Verlage Kontrolle über die Daten vor, die bei der Nutzung ihrer Medien generiert werden. Die Bibliotheken bleiben von den Verlagen und deren Geschäftsmodellen abhängig und scheinen daher nur begrenzt Maßnahmen zum Schutz der Nutzerdaten ergreifen zu können. (Altschaffel et al., 2024, 27)

Andererseits geht es um das Aufkommen von Anwendungen2 für die Wissenschaftsevaluation und -verwaltung, vor allem bei Elsevier und anderen Konzernen wie Clarivate und Digital Science. In Kombination mit Anwendungen für den Forschungskreislauf derselben Anbieter können diese Entwicklungen herbeiführen, die eine ernsthafte Gefahr für die Wissenschaft, Wissenschaftler:innen und wissenschaftliche Institutionen darstellen. Die Argumentation in den Kapiteln zum Lock-In II hat in Bezug auf die mögliche Nutzung dieser weiteren Anwendungen einen dystopischen bzw. warnenden Charakter, es ist keine Aussage über konkrete Einrichtungen3. Im Kapitel Lock-In II – Tracking geht es nicht um Enthüllungen oder (neuartige) Nachweise der Weitergabe von Daten zwischen den RELX-Tochterunternehmen Elsevier und LexisNexis® Risk Solutions4. Es geht um die Zusammenführung der bereits bekannten und in Elseviers Privacy Policy festgehaltenen Formen der Sammlung und Verwertung von Daten. Mein Ziel ist, die grundsätzliche Eignung und Legitimität der Zusammenarbeit mit dem Konzern (stellvertretend auch für andere Konzerne dieser Art) zu hinterfragen. Für dieses Ziel liegen in der Literatur bereits hinreichend viele hinreichend deutliche Nachweise über Praktiken und Interessenkonflikte vor. Diese Literatur sowie die öffentlich verfügbaren Informationen von und über RELX und seine Tochterunternehmen sind die wesentlichen Quellen dieser Arbeit. Die hier gezogenen Schlüsse sind nicht neu, sondern wurden sowohl von Akteur:innen (u.a. Björn Brembs, Gerhard Lauer, Renke Siems) als auch von Institutionen (u.a. Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG, Wissenschaftsrat, Scholarly Publishing and Academic Ressources Coalition SPARC) formuliert.

Ich verteidige keine digitalisierungsfeindliche Position, sondern eine aktive Gestaltung digitaler Souveränität in der Wissenschaft, ganz im Sinne der Ausschöpfung digitaler Potenziale5. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die unabhängige, integre Wissenschaft (Merton, 1973) im Verständnis moderner demokratischer Gesellschaften weiterhin mit den „big five“, speziell Elsevier, betrieben werden kann. Dabei nehme ich an, dass Elsevier zustimmt, die aktuell als wahrscheinlich rechtswidrig eingestuften Tracking-Praktiken zu unterlassen. Ich formuliere diese Frage in Form zweier konkurrierender Thesen und prüfe im Verlauf der Arbeit, welche These sich bestätigen lässt. Beispiel meiner Argumentation ist der Konzern RELX, genauer das Tochterunternehmen Elsevier, weil Elsevier als führender Konzern unter den „big five“ die kritisierten Aspekte und Praktiken in der Verbindung von Datenanalyse und Publikationstätigkeit sowie in der Beziehung zur Sicherheitsindustrie (LexisNexis) am meisten exemplifiziert. Die konkurrierenden Thesen lauten:

  1. Unabhängige Wissenschaft ist in Zusammenarbeit mit Elsevier möglich, weil Elsevier seine Angebote ohne inakzeptable Tracking-Praktiken betreiben könnte.
  2. Unabhängige Wissenschaft ist in Zusammenarbeit mit Elsevier nicht möglich, weil Elsevier seine Angebote nicht ohne inakzeptable Tracking-Praktiken betreiben könnte.

In Anschluss an Zuboffs Rede von „Überwachung auf der Basis von Asymmetrien von Wissen und Macht“ (Zuboff, 2019, 103 (dt. Ausgabe)) argumentiere ich, dass durch das kontinuierliche und umfassende Sammeln von Daten verschiedene Asymmetrien entstehen. Bekannt ist die Machtasymmetrie zwischen den Großverlagen einerseits und Wissenschaftseinrichtungen andererseits (hier diskutiert als Lock-In I). Durch die massiven Aufkäufe wissenschaftlicher Anwendungen und fehlende Investitionen in digitale Infrastrukturen kann daher auch eine funktionale Asymmetrie verzeichnet werden. Am schwersten wiegt jedoch die Gefahr einer epistemischen Asymmetrie, die durch einen systematischen Wissensvorsprung entsteht, den Elsevier und andere durch verschiedene Praktiken und Anwendungen aufbauen. Die Zusammenführung dieser Asymmetrien durch institutionsdurchdringende und -formende Anwendungen, Tracking und Transformationsverträge führt, so argumentiere ich, zu einem nicht nur ökonomischen und systematischen, sondern auch epistemischen institutionsweiten Lock-In. Diese Entwicklung sollte möglichst vermieden werden, um das Ziel einer unabhängigen, handlungsfähigen Wissenschaft und digitaler Souveränität zu erreichen.

Im nächsten Kapitel diskutiere ich verschiedene Konzepte digitaler Souveränität, der Datensouveränität und des Datenschutzes. Mit Hilfe des Begriffs der Privatheit versuche ich, spezifische schädliche Aspekte für die Wissenschaft zu erfassen, die durch das systematische Tracking entstehen und durch die Konzepte der Souveränität und des Datenschutzes nicht ganz erfasst werden. Einen Überblick der multidimensionalen Prozesse, die zur Entwicklung der heutigen Situation in der Publikations- und Wissenschaftsevaluationspraxis geführt haben, bietet das Kapitel Lock-In I. Das Erklärungsmuster einer organisatorischen Pfadabhängigkeit, die zum Phänomen des Lock-In führt, wende ich auf die Situation im wissenschaftlichen Publikationssystem an, die als sogenannte Zeitschriftenkrise mit zur Open-Access-Bewegung führte. Im Kapitel Lock-In II Institution – Elsevier und RELX werden der Konzern RELX, das Tochterunternehmen Elsevier und LexisNexis genauer untersucht. Die Ausrichtung Elseviers als Datenanalyse-Unternehmen zeigt sich an den vielschichtigen Ansätzen, die wissenschaftlichen und institutionellen Strukturen der Wissenschaft zu durchdringen, Einflussmechanismen auszubauen und miteinander systematisch zu verzahnen. Die zahlreichen Trackingformen, die für den Wissenschaftsbereich relevant sind, diskutiere ich im Kapitel Lock-In II Institution – Tracking, wo auch die Diskussion der digitalen Souveränität wieder aufgenommen wird. Die Anwendung der unterschiedlichen Argumentationslinien auf den DEAL-Vertrag mit Elsevier findet durchgehend statt.

Einige wichtige Themen sind aus Platzgründen zu kurz gekommen, u. a. die Diskussion der Folgen des massiven Einsatzes von Artificial Intelligence (AI) in akademischen Prozessen (wie ein weiteres Anschwellen des Publikations-Outputs, steigende Unübersichtlichkeit und der bereits verzeichnete Qualitätsverlust der Forschung), Untersuchungen der weiteren politischen Involvierung von LexisNexis, die gesamte medizinisch-pflegerische Branche Elseviers oder auch ein Vergleich zwischen den Big-five-Konzernen.

Anmerkungen

  1. 1Brembs et al. (2023a); Brembs (2023b); Dirnagl (2023); Herb (2023); Siems (2023a).
  2. 2Ich folge häufig der englischen Ausdrucksweise oder ihren deutschsprachigen Entsprechungen, um Programme zu benennen: „tool“, „solution“, „Anwendung“, „Produkt“, „Instrument“, „Ranking“.
  3. 3Generell treffe ich hier keine Aussagen darüber, welche deutsche Einrichtung welche Anwendungen nutzt und welche Auswirkungen dadurch konkret erwartet oder beobachtet werden könnten. Trotzdem sollte angemerkt werden, dass zahlreiche deutsche Universitäten mindestens einige der im weiteren Verlauf genannten Anwendungen wie Pure verwenden. Die Kommission für Forschungsinformationen in Deutschland erfasst aktuell 130 deutsche Einrichtungen, die CRIS nutzen. Führend ist die Anwendung von HISinOne-RES mit 31,1% Anteil und 47 nutzenden Institutionen, gefolgt von Pure mit 12,6% (17 Institutionen). Converis von Clarivate liegt mit 5,9% (8 Institutionen) deutlich dahinter. (Stand Juli 2025) https://kfid-online.de/fis_landkarte_visual/fis_landkarte_statistik.php [zuletzt geprüft am 4.7.2025]
  4. 4Ab jetzt meist abgekürzt als ‚LexisNexis‘, womit nicht die gleichnamige juristische Datenbank-Anwendung gemeint ist. Letztere wird in dieser Arbeit nicht thematisiert.
  5. 5DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft (2020); Wissenschaftsrat (2022); Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisationen (2019).

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