Schluss
Die Integration von Elsevier-Anwendungen in Workflows an Schlüsselstellen wissenschaftlicher Institutionen birgt die konkrete Gefahr, neue Abhängigkeiten auf der gesamten Institutionsebene zu schaffen: im Forschungszyklus (individuell und institutionell), in der Wissenschaftsevaluation (institutionell) und im Management (institutionell). Integrierte Anwendungen könnten diese Bereiche überlappen, kontinuierlich und intransparent für die Nutzenden Daten sammeln und unerwünschte Plattformeffekte auf mehreren Ebenen der Wissenschaft als Institution bewirken. Diese Anwendungen werden als Gesamtpaket angeboten und verdrängen Alternativen, sie schaffen einen geschlossenen Kreis aus ihren eigenen Empfehlungen, Evaluationen und Produkten, sie haben bereits negative inhaltliche Effekte auf die Wissenschaft. Das Geschäftsmodell Elseviers und RELX' benötigt eine asymmetrische Wissensverteilung, u. a. durch Tracking, und ist mit wissenschaftlicher Autonomie unvereinbar, wie anhand der Unterscheidung zwischen einer schwachen These I und einer starken These II argumentiert wurde. Die starke These II wurde bestätigt: Dass eine unabhängige Wissenschaft in Zusammenarbeit mit Elsevier nicht möglich ist, weil Elsevier seine Angebote nicht ohne inakzeptable Tracking-Praktiken betreiben könnte. Diese Angebote sind, wie in dieser Arbeit argumentiert wurde, zu tiefgreifend in das Gesamtaktionsfeld des Konzern integriert, um daraus herausgelöst werden zu können. Dasselbe gilt für Elseviers Konkurrenz im Oligopol wissenschaftlicher Verlags- und Datenanalyse-Konzerne. Elsevier zeigt beispielhaft, dass kommerzielle Akteur:innen höchstens in einem extern regulierten Rahmen mit der Wissenschaft zusammenarbeiten sollten. Es handelt sich bei den Großverlagen und Datenanalyse-Konzernen längst nicht mehr um Verlage im traditionellen Sinne. Sie haben ihre Geschäftspraktiken und Strategien auf eine grundsätzlich epistemische Asymmetrie, auf einen konstanten und umfassenden Wissensvorsprung vor der Konkurrenz und den unterschiedlichen Akteur:innen der Wissenschaft umgestellt. Es ist für sie deshalb ein notwendiger Bestandteil ihrer Geschäftspraxis, weiterhin invasiv Daten abzugreifen und immer weiter in die Strukturen der Wissenschaftsinstitutionen vorzudringen. Deshalb kann die schwache These I, die eine Zusammenarbeit mit Elsevier unter Elseviers Verzicht auf inakzeptale Tracking-Praktiken als möglich behauptete, nicht bestätigt werden. Dies ist jedoch, wie hier argumentiert wurde, nicht im Sinne der Wissenschaft, wo diese Asymmetrien zum Verlust wesentlicher Eigenschaften freier Wissenschaft und zur Deformation (Zuboff 2019) der Wissenschaft führen. Es ist nicht im Sinne der Wissenschaftler:innen und Studierenden, deren Grundrechte verletzt werden. Es ist nicht im Sinne der Universitäten und Bibliotheken, deren Autonomie zugunsten wirtschaftlicher Ziele eingeschränkt wird und nicht im Sinne der Steuerzahler:innen, die bis zum Zehnfachen des errechneten Preises für Konzernprodukte zahlen. Es widerspricht dem politischen Ziel der digitalen Souveränität.
Insbesondere unter den Bedingungen der Digitalisierung, mit nicht absehbaren Folgen der exzessiven Tracking- und Datensammeltätigkeit großer Konzerne und Data Broker sowie des massiven Einsatzes von Überwachungstechnologien durch internationale Unternehmen (RELX und LexisNexis) sollte die Frage ernst genommen werden, „ob die Wissenschaft in der digitalen Welt immer stärker nach den Regeln der Wirtschaft organisiert und betrieben wird und damit ihre eigenen Prinzipien der Freiheit, der Sorgfalt und der Wahrheitsfindung kompromittiert werden.“ (Holzer, 2022, 175) In diesem Sinne ist es geraten, die weitere Zusammenarbeit mit den sogenannten legacy publishers als nicht vereinbar mit zentralen wissenschaftlichen Prinzipien zu betrachten und nicht fortzusetzen. Entscheidenden Einfluss haben hier weniger einzelne Wissenschaftler:innen, die in komplexen Abhängigkeiten von Förderern und Stellenvergabekriterien stehen, sondern vor allem die Akteur:innen, die über die Vergabe von Fördermitteln und Stellen, Beförderungen oder tenure entscheiden. Hier sind die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Errichtung und Sicherung wissenschaftlich verwalteter (‘scholar-led’) wissenschaftlicher Infrastrukturen, die Empfehlungen des EU-Rats zum wissenschaftlichen Publizieren sowie die Initiativen zur Reform der Wissenschaftsbewertungspraxis wie DORA182 und CoARA183 wegweisend.
Anmerkungen
- 182https://sfdora.org/. [zuletzt geprüft am 25.07.2024]
- 183https://coara.eu/. [zuletzt geprüft am 25.07.2024]